ADHS: Aufschrei der höheren Semester oder die kleinen Erkenntnisse aus einer großen Studie

Als einige namhafte Forscher in den USA eine große Studie anleierten, waren die Anti-Medikamenten-Experten über die Ergebnisse entsetzt. Denn viele Forscher hatten eine gute Verbindung zu dem Pharmazieunternehmen „NOVARTIS“. Dabei ging es im wesentliche um einen Vergleich multimodaler Behandlungen (Multimodal Treatment Study oder auch MTA-Studie).

In der Studie zeigte sich, dass das hauseigene Produkt („Ritalin“) unglaublich gute Wirkungen erzielte.  Da sagten einige, das wäre so, als würde man Köchen überlassen, sich selber Michelin-Sterne zu verteilen. Da macht dann auch das Motto von Tim Mälzer wieder Sinn: Schmeckt nicht, gibt´s nicht! (Übrigens ein Motto, das in vielen deutschen Universitäts-Mensen täglich erfolgreich widerlegt werden kann.)

Die einfache Wahrheit dieser großen Studie war, dass es – nach sechs Monaten Laufzeit – in den vier Gruppen sehr, sehr unterschiedliche Ergebnisse gab. Es gab eine Gruppe, die eine 08/15 Behandlung bekam, eine andere Gruppe erhielt  Elterntraining, eine weitere Gruppe bekam Medikamente fürs Kind und in der vierten Gruppe wurden die Eltern trainiert und die Kinder medikamentiert.

Dass die Gruppe jener Eltern, denen kaum Behandlung zuteil wurde,bei jeder Befragung die Schlusslichter waren, nimmt man in der Wissenschaft in Kauf – das ist die sogenannte „Kontrollgruppe“. Die kontrollieren nicht, die werden kontrolliert. Wenn es der Kontrollgruppe am Ende besser geht als der „Interventionsgruppe“, kann man zweifelsfrei sagen, dass die Intervention ziemlicher Unfug ist. Es könnte natürlich auch sein, dass man einer wissenschaftlichen Sensation auf der Spur ist: eine Erkrankung, die durchs Aussitzen besser wird –und damit meine ich jetzt nicht Hämorrhoiden.

Zahlreiche Experten schrieben wütende Fachartikel: es sei doch kein Wunder, dass eine Forschung, die doppelt gedopt sei, diese Ergebnisse zu Tage fördere. Schließlich gab Geld UND Ritalin vom Konzern.

Wie entspannt reagierte die Fachwelt auf die weiteren Ergebnisse: Langfristig zeigt sich nämlich, dass die Gruppe, die ausschließlich Elterntrainings erhielt, ebenso gut abschnitt wie die anderen beiden „Therapie“-Gruppen (Medikamente und Medikamente + Elterntraining).

Etwas vereinfacht könnte man also sagen, je nachdem wie heftig man sich auf den Finger haut mit dem Hammer, desto mehr „Kühl- und Schmerzmittel“ sollte man nutzen. Der grundsätzliche Verzicht auf eines davon macht wenig Sinn.

Oder anders: Wenn die Familie extrem leidet, macht es Sinn Medikamente und Elterntraining zu machen.

Ja, ich weiß, bei einigen geht gerade der Blutdruck durch die Decke und bevor Sie jetzt erst Betablocker schlucken und anschließend wütende email schreiben, hier noch der Hinweis auf eine andere Forschung: Pelham und Kollegen (2000) konnten zeigen, dass es möglich ist, gänzlich auf den Einsatz von Medikamenten zu verzichten, wenn man ein sehr aufwändiges Trainingsprogramm durchführt (dessen Übertragbarkeit auf Deutschland jedoch sehr zweifelhaft ist). Einschränkend erwähnen die Forscher, dass für eine große Zahl der Betroffenen (43-70%) keine „Normalisierung“ erreichbar sei.

 

Für den ADHS-Leser:

Eine gute Kombinationstherapie verspricht den besten Erfolg.

 

Für alle, die mehr wissen wollen:

Jensen, P. S., Arnold, L.E., Swanson, J.M., Vitiello, B., Abikoff, H.B., Greenhill, L. L., Hechtman, L., Hinshaw, S. P., Pelham, W. E., Wells, K. C., Conners, C.K., Elliott, G. R., Epstein, J.N., Hoza, B., March, J. S., Molina, B.S.G., Newcorn, J. H., Severe, J. B., Wigal, T., Gibbons, R.D. und Hur, K. (2007): “3-Year Follow-up of the NIMH MTA Study” in Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Vol. 46 (8), Seite 989-1002

Pelham jr., W E., Gnagy, E. M., Greiner, A.R., Hoza, B., Hinshaw, S.P., Swanson, J.M., Simpson, S., Shapiro, C., Bukstein, O., Baron-Myak, C. und McBurnett, K. (2000): „Behavioral versus Behavioral and Pharmacological Treatment in ADHD Children Attending a Summer Treatment Program” in Journal of Abnormal Child Psychology, Vol. 28 (6), Seite 507-525

Swanson, J.M., Kraemer, H.C., Hinshaw, S.P., Arnold, E., Conners, C. K., Abikoff, H.B.., Clevenger, W., Davies, M., Elliott, G.R., Greenhill, L.L., Hechtman, L., Hoza, B, Jensen, P.S., March, J.S., Newcorn, J.H, Owens, E.B., Pelham, W.E., Schiller, E., Severe, J.B., Simpson, S., Vitiello, B., Wells, K.C., Wigal, T. und Wu, Min (2001): “Clinical Relevance of the Primary Findinds of the MTA: Success Rates Based on Severity of ADHD and ODD Symptoms at the End of Treatment” in Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Seite 168-179

Swanson, J.M., Hinshaw, S. P., Arnold, L.E., Gibbons, R.D., Marcus, S., Hur, K., Jensen, P. S., Vitiello, B., Abikoff, H.B., Greenhill, L. L., Hechtman, L., Pelham, W. E., Wells, K. C., Conners, C.K., March, J. S., Elliott, G. R., Epstein, J.N., Hoagwood, K., Hoza, B., Molina, B.S.G., Newcorn, J. H., Severe, J. B. und Wigal, T. (2007): “Secondary Evaluations of MTA 36-Month Outcomes: Prospensity Score and Growth Mixture Model Analyses” in Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Seite 1003-1014

 

 

 

ADHS „Aber Drogen helfen schon!?“ vom verkrampften Umgang mit Medikamenten

Wer sich mit den Therapie-Ansätzen zu ADHS beschäftigt, wird gezwungen sich einem Lager zuzuordnen:

„Sind Sie auch für Ritalin?“ ist eine häufig zu hörende Frage, deren Antwort viele schon nicht mehr abwarten, wenn man nicht sofort und entschieden „NEIN!“ brüllt. So teilen wir unsere Gesellschaft ein, in die guten (gegen Medikamente) und die Bösen (für Medikamente).

Damit lässt sich leben.

Allerdings nur so lange bis man selber mal in die Verlegenheit kommt, sich mit dem Thema ADHS persönlich zu beschäftigen und Eltern unvermittelt vor der Frage stehen: Gebe ich meinem Kind ein Medikament oder nicht. Es lässt sich einfach urteilen, wenn man keine eigene Betroffenheit verspürt.

Als ich mal einer Mutter mitzuteilen versuchte, dass Medikamente durchaus ihre Berechtigung haben – neben verhaltenstherapeutischen Maßnahmen – und sie tatsächlich den Kindern helfen können, sagte sie mir wütend: „Aber Drogen helfen schon, oder was?“

„Sind Sie für Ritalin?“ – Man kann nicht für oder gegen ein Medikament sein. Man kann nur für eine gute Therapie sein.

Und zu der können unter Umständen eben auch Medikamente gehören.

Wenn Sie persönlich ein totaler Gegner von Medikamenten sind, dann nehmen Sie doch mal einen Hammer, legen Ihren Daumen auf die Tischkante und hauen auf den Daumen drauf. Je nach persönlichem Geschmack und Bedürfnis können Sie stärker ausholen oder den Hammer nur sanft auf den Daumen gleiten lassen. Anschließend dürfen Sie gerne überlegen, ob Sie weiterhin gegen jegliche Gabe von Medikamenten sind oder nicht. Wenn ja, dann warten Sie einfach, bis die körpereigenen Schmerzmittel z.B. Enkephaline, Endorphine und Dynorphine einsetzen.

Die Schlauen gehen zum Eisfach und legen eine kalte Kompresse auf den Daumen.

Die Neunmalklugen machen beides: Kalte Kompresse und Schmerzmittel.

Und genauso sollte man es mit ADHS eben auch handhaben.

Am besten funktionieren nun mal Kombinationstherapien.

 

Für die ADHS-Leser:

Medikamente können helfen.

Am besten wirken aber Kombinationstherapien.

 

Für alle, die mehr wissen wollen

Pelham jr., W.E., und Fabiano, G.A. (2008): „Evidence-based psychosocial treatments for attention-deficit/hyperactivity disorder” in Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology, Seite 184-214

Frölich, J., Lehmkuhl, G. und Döpfner, M. (2010): „Medikamentöse Behandlungsalgorithmen bei Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen unter Berücksichtigung spezifischer Komorbiditäten“ in Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Seite 7-20

ADHS: Auch das Hirn stärken

In den letzten Blog-Einträgen hatten wir ja über das Gehirn gesprochen. Und darüber, dass ADHSler so wenig Leistung zeigen können, obwohl sie eigentlich in der Lage wären, diese Leistung auch zu erbringen, sie müssen sich eben nur mehr anstrengen als der Normal-Bürger. Sie reagieren deutlich besser auf finanzielle Belohnungen (Demurie und Kollegen, 2011) als auf positive soziale Rückmeldungen. – Ein Verhalten, das sonst nur Banker und Versicherungsvertreter zeigen!

Eine wichtige Erkenntnis ist natürlich jetzt gefragt: Was kann ich als Mitmensch, Eltern, Erzieher oder Lehrerin tun, damit ich das Hirn meines ADHS-Gegenübers austrickse und ihm helfen?

Die Antwort ist so banal wie nur eben möglich: Wenn das Gehirn es nicht schafft, sich selber zu belohnen, müssen andere das übernehmen. Also die lieben Mitmenschen, damit im Gehirn des Betreffenden neuronale Bahnen gebaut werden, die etwas Ordnung ins innere und äußere Chaos bringen.

Was im Hirn der Betroffenen wenig funktioniert ist das Belohnung-System. Ein kleines Beispiel: Ihr Kardiologe, ihr Orthopäde oder Ihr Partner sagt Ihnen, sie sollten mehr Sport machen. Sie beschließen nun das Joggen anzufangen. Sie starten mit einer kleinen Runde von 5 km. Leider werden Sie das nicht schaffen, denn Sie sind untrainiert. Aber willig. Nach vier Versuchen schaffen Sie die ganze Runde in einem Rutsch durchzulaufen. Sie kommen zu Hause an, Ihr Herz rast, Ihr Kopf ist hochrot und die Zunge hängt Ihnen übers Kinn. Aber sie haben es geschafft. Ihr Körper schüttet Glückshormone aus, die sie in ein echtes „Hochgefühl“ versetzten. Sie sind so geflasht, dass Sie ihrer Nachbarin zurufen: „Ich hab´s geschafft!“ Die denkt wahrscheinlich: „Jetzt spinnt sie vollkommen und redet wirres Zeug!“ Aber Sie fühlen sich für Stunden gut. Nach zwei Tagen laufen Sie wieder – machen Sie einen Tag Pause, lassen Sie den Muskeln Zeit und genießen Sie den Muskelkater in vollen Zügen. Nun schaffen Sie die Runde, aber das „Hochgefühl“ ist nicht mehr so intensiv. Sie fühlen sich gut, aber nicht mehr so großartig wie zuvor. Wenn Sie nun regelmäßig laufen, verflacht dieses Gefühl und weicht einem guten Gefühl „etwas getan zu haben.“ Wenn Sie aber den Kick vom ersten Mal wieder haben wollen, müssen Sie sich eine Uhr kaufen, die Zeit stoppen und wenn Sie es dann unter 35 min. zum ersten Mal schaffen, dann kommen Sie nach Hause, der Kopf ist wieder rot, die Zunge hängt über´s Kinn und Sie röcheln Ihrer Nachbarin zu: „34:56“. Die versteht kein Wort, aber Ihnen ist das jetzt im Augenblick völlig egal, sie fühlen sich wieder großartig. – Bei ADHS-lern fehlt genau dieser Kick. Die können sich nicht so gut selber belohnen (vergl. Fair und Kollegen, 2010). Und nun die Frage: Wären Sie wirklich dabeigeblieben, wenn nach der ersten kompletten Runde der Kick nicht gekommen wäre? Wahrscheinlich nicht.

 

Für den ADHS-Leser

Am besten lassen Sie sich mit Geld zu Höchstleistungen anspornen. Zur Not geht aber auch ein ehrliches Lob!

 

Für alle, die mehr wissen wollen:

Demurie, E., Roeyers, H., Baeyens, D. und Sonuga-Barke, E. (2011): „Common alterations in sensitivity to type but not amount of reward in ADHD and autism spectrum disorders“ in Journal of Child Psychology and Psychiatry, Seite 1164-1173

 

Fair, D.A., Posner, J., Nagel, B.J., Bathula, D., Dias, T.G., Mills, K.L., Blythe, M.S., Giwa, A., Schmitt, C.F. und Nigg, J.T. (2010): „Atypical default network connectivity in youth with attention-deficit/hyperactivity disorder” in Biological Psychiatry, Seite 1084-1091

Als das Hirn stockte, Teil II oder Multi-Tasking ist dem ADHSler sein Untergang

Bevor wir anfangen: Liebe Grüße an Bastian Sick! (Der Genitiv ist der Akkusativ von Dativ!)

Wir hatten uns ja bereits über das bio-technische Wunder „Gehirn“ unterhalten. Und da gleich eine weitere sensationelle Erkenntnis: Ein Forscherteam fand heraus, dass das Gehirn bei ADHSlern um etwa drei Jahre in seiner Entwicklung hinterherhinkt, d.h. die sind nicht doof, die sind einfach verspätet! Gleichzeitig ist das Bewegungszentrum bereits gut entwickelt, lediglich die höheren Kontrollinstanzen noch nicht. Die Forscher vermuteten, dass dies die motorische Unruhe erklären könnte (Shaw u.a., 2007).

Die höheren Kontrollinstanzen im Gehirn bezeichnet man auch als die exekutiven Funktionen. Ein schöner Vergleich wird häufiger bemüht dafür: Die exekutiven Funktionen sind der „Dirigent“ im Gehirn, der dort für Ordnung sorgt und die Handlungen des Orchesters in die richtige Reihenfolge bringt. Und wenn der Kapellmeister krank ist und ständig husten muss beim Konzert, dann spielt das Orchester wohlmöglich irgendwelchen Unsinn, weil die Anweisungen nicht mehr so klar und deutlich kommen von vorne!

ADHS ist vor allem eine Störung der Selbststeuerung. Das Gehirn schafft es also weniger gut, jene Bereiche zu aktivieren, die für eine bestimmte Aufgabe gebraucht werden und jene Bereiche zu deaktivieren, die gerade nicht gebraucht werden. Man könnte es auch so formulieren: Der Dirigent macht Faxen, aber er dirigiert nicht!

Wenn wir am Schreibtisch sitzen und arbeiten wollen, macht es ja viel Sinn, dass wir die Alltagsgeräusche von draußen „ausblenden“; das, was wir immer hören, hören wir also nicht mehr. Das schönste Konzert wird ja nicht besser, wenn die Musiker alle zugleich spielen. Nichts gegen die Violine, aber wenn in dem Stück erst die Flöten dran sind, stört mich ja der Geiger, der schnell nach Hause will und schon mal seinen Part abarbeitet doch enorm. Und dann wird die erwartete Euphonie zur Kakophonie. (Klingt Kacke, daher der Name!)

Das Hirn nimmt es zwar wahr, was draußen passiert, filtert es aber als „Alltagsgeräusche“ raus, die keinerlei Aufmerksamkeit bedürfen. Ändert sich der Geräuschpegel schlagartig, werden wir aufmerksam und können uns wohlmöglich weniger gut auf die Aufgabe am Schreibtisch konzentrieren. Das macht also in der Regel viel Sinn, „unwichtige“ Dinge herauszufiltern. Einen ständigen Wechsel zwischen gleichwichtigen Dingen bekommen wir aber nicht hin. Es bleibt immer etwas auf der Strecke. Und genau das fehlt ADHSlern, die können nur sehr mühsam und mit hohem Energie-Aufwand bei Arbeiten bleiben, die ihnen wenig Freude machen, deren Gehirn ist nicht so gut in der Lage den Filter „Wichtig/Unwichtig“ aufzusetzen und unnötiges einfach zu ignorieren. Probieren Sie mal Fernsehen und Radio gleichzeitig; ist eine schöne Erfahrung. In etwa so muss es sich anfühlen, wenn die Trennung wichtig/unwichtig weniger gut funktioniert im Hirn.

Für den ADHS-Leser:

ADHSler können die gleichen  Denkleistungen (auch in der Schule) vollbringen wie der Rest, es strengt sie nur vielleicht mehr an. Es fehlt eben die Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren und unwichtiges zu ignorieren.

„Mein Hirn macht mir dauern Vorschläge und ich krieg nicht einen davon abgelehnt!“

 

Für die, die mehr wissen wollen:

Castellanos, F.X., Giedd, J.N., Marsh, W.L., Hamburger, S.D., Vaituzis, A.C., Dickstein, D.P., Sarfatti, S.E., Vauss, Y.C., John W. Snell, J.W., Nicholas Lange, N., Kaysen, D., Krain A.L., Ritchie, G.F., Rajapakse, J.C. und Rapoport, J.L. (1996): “Quantitative Brain Magnetic Resonance Imaging in Attention-Deficit Hyperactivity Disorder“ in Archives of General Psychiatry, Vol. 53(7), Seite 607-616

Shaw, P. und andere (2007): “Attention-deficit/hyperactivity disorder is characterized by a delay in cortical maturation” in PNAS, Proceedings of the National Academy of Science, Vol. 104 (49), Seite 19649-1965. Ich gebe zu, ich habe die 19648 Seiten vorher nicht gelesen!

 

ADHS: Als das Hirn stockte oder haben alle Top-Modells ein Hirn wie Heidi Klum?

Unser Gehirn ist ohne jede Frage das großartigste und komplexeste Gebilde, was die Evolution hervorgebracht hat. Es besteht u.a. aus 100 Milliarden Neuronen und jedes Neuron hat bis zu 10.000 Synapsen. Phantastisch! Und unser Gehirn ist in der Lage, so manchen Schlag zu verkraften. Es kann bis ins hohe Alter hinein lernen – es dauert vielleicht länger als in jungen Jahren, aber es ist machbar. Über das Machbare unserer Gehirns habe ich eine schöne Geschichte in der Zeitung gelesen: Vor ein paar Jahren wurde der Fall eines Franzosen bekannt, in dessen Kopf nur etwa die Hälfte der üblichen Hirnmasse zu finden war. Der Mann ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Er übt einen Beruf aus. Nun raten Sie mal wo!? Er ist Beamter in einer Steuerbehörde. (Ich finde, das sagt doch alles!)

Nun ist das Gehirn von ADHS-Patienten seit einigen Jahren das Lieblingsforschungsgebiet mancher Neurologen. Und mit den neuen, sogenannten „Bildgebenden Verfahren“ kann man im Gehirn jetzt noch schöner gucken, was man sowieso sehen könnte, wenn man das Verhalten der Patienten nur lange genug beobachten würde. Unzweifelhaft weist das Hirn von Menschen mit ADHS spezifische Veränderungen auf. Bereits 1996 konnten Wissenschaftler offenkundige Veränderungen im Gehirn von ADHS Patienten nachweisen können – so z.B. 4,7% weniger Volumen (Castellanos u.a., 1996).

Da sagen jetzt einige, wissen wir schon, das Gehirn ist ja bei Frauen leichter. Also: Problem geklärt. Nein, das sind nicht die Prozente, die fehlen. Die Großhirnrinde ist dünner. Aber hier sei gewarnt: Dünner heißt nicht dümmer. Hier geht es ja nicht um Germany´s Next Top Model.

Das weniger ist im Kortex zu finden: also in der Rinde, genauer gesagt in der Großhirnrinde – das ist der Teil im Hirn, der für all die schönen höheren Funktionen zuständig ist (Bücher lesen, Bücher schreiben, Steuererklärung machen, etc.). Die Rinde macht ungefähr die Hälfte unseres Großhirns aus. Die Evolution hat da ein kleines Wunder vollbracht: Je mehr Oberfläche unser Hirn hat, desto „schlauer“ werden wir als Spezies Mensch. Jetzt nicht jeder einzelne von uns, freuen Sie sich nicht zu früh. Es wäre natürlich einfacher gewesen, wir hätten alle Köpfe groß wie Wassermelonen, aber dann wären wir ausgestorben, denn versuchen Sie mal eine kleine Wassermelone durch Ihr Becken zu kriegen. Geht nicht. Gibt´s! (Ich bin mir sicher, es wird etwas dauern, bis Sie das Bild von dem Becken und der Melone wieder losgeworden sind …!)

Also musste was her, dass den Platzmangel wett macht: Falten! Einfaches Prinzip: Man kann problemlos ein Geschirrhandtuch in ein kleines Weinglas stecken, wenn man es einfach irgendwie reindrückt. So ähnlich ist es mit dem Hirn im Kopf. Wenn der Schädel nicht wachsen kann, muss die Evolution eben erfinderisch werden. Ähnliches können Sie auch zu Hause nach empfinden: Schauen Sie in den Kleiderschrank Ihrer Tochter: Alles reingeknuddelt. Geht problemlos das Doppelte rein, als wenn es sauber gefaltet auf- und nebeneinander läge. Also nicht mehr meckern, weil es so unordentlich ist: Freuen Sie sich – das ist ein evolutionärer Prozess, der da stattfindet.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist eine Erkenntnis einer spanisch-amerikanischen Forscher Gruppe (Proal u.a., 2011): Die haben ehemalige ADHS Patienten in die Röhre gesteckt und mit „normalen“ Leuten verglichen. Ergebnis: Zwischen den beiden gab es auffällige Unterschiede. Erstaunlich jedoch war es, dass jene Patienten, die früher unter Symptomen litten und nun keine Symptome mehr zeigten, ein nachträgliches Hirnwachstum aufwiesen, die haben das erfolgreich den Mangel kompensiert. Das Hirn hatte es also geschafft, das Defizit wenn auch nicht auszugleichen so doch wenigstens aufzufangen. Anders ausgedrückt: Das Hirn ist ein Haus und ADHS ist der Dachschaden darin; und jene, die keine Symptome mehr hatten, konnten in den Dachschaden eine Gaube einbauen. – Wieso und warum, konnten die Forscher nicht sagen. Wenn Sie das rausfinden, gibt´s nen Nobelpreis – versprochen!

Übrigens ist das Gehirn von Frauen in der Regel leichter, aber eben mehr gefaltet. – Das ist einer der wenigen Momente, in denen sich Frauen – auch Heidi Klum – über Falten freuen können!

Für den ADHS-Leser:

Einen evolutionären Geniestreich stellt unser Gehirn dar. Bei ADHSlern gibt es allerdings fast 5% weniger Volumen im Großhirn. Dass das Gehirn von ADHSlern ist eben ɐnders ist, bedeutet nicht, es ist weniger tauglich zum Denken!

Castellanos, F.X. u.a. (1996): “Quantitative Brain Magnetic Resonance Imaging in Attention-Deficit Hyperactivity Disorder“ in Archives of General Psychiatry, Vol. 53(7), Seite 607-616

Proal, E. u.a. (2011): “Brain Gray Matter Deficits at 33-Year Follow-up in Adults With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Established in Childhood” in Archives of General Psychiatry, Vol. 68 (11), Seite 1122-1134

ADHS: Alte Denkstrukturen heilen selbstständig? oder viel Lärm um Nichts

Der Hype mit dem Neurofeedback …

Als Therapeut und Trainer geht man ja mal raus und hört sich an, was kluge Menschen zu sagen haben. Das ist manchmal ein Gewinn. Manchmal ein Genuss. Und manchmal ist es nichts davon.

Zu dieser merkwürdigen Kombination kam es vor ein paar Tagen als ich bei einem wissenschaftlichen Vortrag zum Thema Neurofeedback ging. Da berichtete eine (habilitierte!) Wissenschaftlerin von ihrer Studie.

Neurofeedback ist eine EEG basierte Methode und verspricht gute Erfolge im klinischen Bereich. Die Effektstärke liegt mit 0,6 im mittleren Bereich (Gevensleben et al., 2010). Eltern und Lehrer berichten von einer Besserung der Symptome (Strehl et al., 2004).

Blöderweise wird es als Allheilmittel angepriesen. Die Ergebnisse sind allerdings nicht so eindeutig, wie man das gerne in vielen Tages-Zeitungen lesen oder im Fernsehen sehen kann. In Zeitung und TV werden immer die Fälle gezeigt, in denen die Methode unzweifelhaft durchschlagenden Erfolg hat. Die Kinder sind geheilt anschließend. „Oh, lasst uns knien, das Wunder zu preisen.“

In der Wirklichkeit sieht das häufig ganz anders aus. Wenn man die Ergebnisse der Wissenschaft zusammenfassen wollte, müsste man sagen: Es kann wirken, oder auch nicht … und wir können nicht sagen, ob und warum es wirkt (Sonuga-Barke, 2013). Seien Sie also vorsichtig damit, die Erfolgsquoten werden gerne übertrieben. Mir erzählte vor kurzem ein Kinder-Psychiater in eigener Praxis, er biete zwar auch Neurofeedback an, glaube aber nicht an irgendeinen Erfolg. Lediglich die Eltern fragten ständig danach – also macht er das auch, bevor ihm die Kundschaft laufen geht.

Mich stört hin und wieder die Aura der Heilserwartung, die die Befürworter des Neurofeedbacks herum tragen. Sehr geschickt umschreiben Sie ihre „bahnbrechenden“ Erfolge, bis auch der letzte im Publikum den Hinweis auf „Heilung“ von ADHS begriffen hat. Sie selber nehmen aus gutem Grunde den Begriff der Heilung nicht in den Mund.

Ein lieber Kollege aus einer großen Klinik sagte: „Das ist ein Prima Plazebo. Für die Eltern!“

Für mich war der Abend dann doch noch ein voller Erfolg. Ich war beruhigt. Neurofeedback würde mich als Elterntrainer nicht arbeitslos machen.

Übrigens Neurofeedback funktioniert super bei Kindern, die auch Stimulanzien nehmen, hochmotiviert sind und fleißig zu Hause üben. Also genau jene Kinder von denen man denkt, die brauchen es nicht.

 

Für den ADHS-Leser:

Neurofeedback funktioniert bei hochmotivierten Menschen, die eher eine „milde“ Form von ADHS haben. Ansonsten … eher nicht.

 

Für alle, die mehr wissen wollen

Sandra K. Loo und Russel A. Barkley: “Clinical utility of EEG in attention deficit hyperactivity disorder” in Applied neuropsychology, 2005, Seite 64-76

Gevensleben, H., Moll, G.H., Heinrich, H. (2010): „Neurofeedback-Training bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) – Effekte auf Verhaltens- und neurophysiologischer Ebene“ in Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Vol. 38 (6), Seite 409-420

Edmund J.S. Sonuga-Barke, u.a. (2013): “Nonpharmacological interventions for ADHD : systematic review and meta-analyses of randomized controlled trials of dietary and psychological treatments” in The American Journal of Psychiatry, Vol. 170,Seite 275-89.

Strehl, U., Leins, U., Danzer, N., Hinterberger, T. und Schlottke, P.F. (2004): „EEG-Feedback für Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“ in Kindheit und Entwicklung, Vol. 13 (3), Seite 180-189

ADHS: All die herrlichen Symptome

Um das Thema etwas einzugrenzen, müssen wir uns ein wenig mit den beschäftigen, was diese Kinder so tun oder eben nicht zu tun in der Lage sind.

Die Mediziner Bibel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine Kurzbeschreibung der Störung gegeben.

LESUNG aus dem 10. Buch WeHaO, Kapitel F, Vers 90:

„Diese Gruppe von Störungen ist charakterisiert durch einen frühen Beginn, meist in den ersten fünf Lebensjahren, einen Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen, die kognitiven Einsatz verlangen, und eine Tendenz, von einer Tätigkeit zu einer anderen zu wechseln, ohne etwas zu Ende zu bringen; hinzu kommt eine desorganisierte, mangelhaft regulierte und überschießende Aktivität. (Ich gebe zu, der zweite Teil des Satzes klingt verdächtig nach „Hobby-Keller“!) …  Hyperkinetische Kinder sind oft achtlos und impulsiv, neigen zu Unfällen und werden oft bestraft, weil sie eher aus Unachtsamkeit als vorsätzlich Regeln verletzen. Ihre Beziehung zu Erwachsenen ist oft von einer Distanzstörung und einem Mangel an normaler Vorsicht und Zurückhaltung geprägt. Bei anderen Kindern sind sie unbeliebt und können isoliert sein. …Sekundäre Komplikationen sind dissoziales Verhalten und niedriges Selbstwertgefühl.“

Das hat die WHO sehr hübsch zusammengefasst. Was die WHO mit dem „frühen Beginn“ meint, ist natürlich nicht die Hektik beim Wecken und Aufstehen, sondern dass diese Kinder oftmals in zarten Alter von zwei Jahren bereits Auffälligkeiten zeigen. Zu den beliebtesten Symptome zählen außerdem:

  • ein schlechteres Arbeitsgedächtnis,
  • Probleme im Spracherwerb,
  • die Unfähigkeit, sich selber zu regulieren
  • und von „erfolgreichen“ Kommunikationen oder Handlungen anderer zu lernen, d.h. Verhaltensweisen zu imitieren
  • die Kinder interpretieren Informationen aus der sozialen Umwelt häufiger falsch oder
  • können wichtige Informationen nicht als solche erkennen

Zwei dieser Symptome sind erklärungsbedürftig.

Erstens: die Unfähigkeit zur Imitation erfolgreicher Kommunikation oder Interaktion ist in meinen Augen ein zentraler Mangel. Ein Beispiel: Wenn ein Kind ein Bild malt und es anschließend der Mutter schenkt, dann wird es gelobt, das Bild wird aufgehängt und vielleicht rückt die Mutter auch ein Stückchen Schokolade. Sieht das der kleine Bruder, wird es in sein Zimmer rennen, ein Bild malen, es der Mutter schenken und darauf spekulieren, dass die jetzt abermals Schokolade rausrückt. – Was eine liebevolle Mutter auch tut, selbst wenn sie das allzu offensichtliche Spielchen durchschaut. Hat der kleine Bruder aber eine ADHS, so hält er stattdessen die Hand auf und sagt: „Ich will auch Schokolade!!!“ Die dahinter liegende künstlerische Leistung seines Geschwisters sieht er nicht. Er erkennt das Muster der menschlichen Interaktion nicht: das kleine Geschenk an die Mutter erfährt eine Belohnung. Aus rheinischer Sicht könnte man es so formulieren: Der normale ADHSler ist unfähig zu klüngeln – also Leistung und Gegenleistung in Einklang zu bringen.

Zweitens: ADHS-Kinder haben ein riesiges Problem, ihre Handlungen und die Reaktionen ihrer Umwelt in einen direkten Zusammenhang zu stellen: Befragt man ein betroffenes Kind, z.B. den Kevin, „Was hast Du in der Pause auf dem Schulhof gemacht?“ So antwortet der vielleicht: „Ich habe mit Torben-Niklas und Elias-Fabrizio gespielt!“ Fragt man nun die beiden anderen Kinder, so bekommt man nicht selten die Antwort: „Wir zwei haben zusammengespielt, aber der Kevin hat immer alles kaputtgemacht.“

Das ist natürlich ein Trauerspiel, denn der kleine Kevin begreift nicht, weshalb die anderen nicht wirklich mit ihm spielen wollen.  Das ist nun keine Blödheit oder böse Absicht, das ist Unvermögen! Die Kinder müssen das noch lernen. Und sie können es lernen! Eine Mitarbeiterin in einer OGS erzählte mir, dass ein Junge in Pausensituationen spätestens nach fünf Minuten den ersten Ärger produziert hatte; bis sie eines Tages hinging und ihm nach drei Minuten zurief: „Heute spielst Du aber toll!“ Der konnte das kaum glauben, nach drei Minuten kam er wieder zu ihr und fragte, ob er immer noch gut spiele. Was sie bejahte und das Spiel wiederholte sich immer wieder. Heute, so schloss die Erzieherin, könne er bereits bis zu einer halben Stunde mit anderen unfallfrei spielen.

Für den ADHS-Leser:

Die wichtigsten Symptome: ADHS fängt früh an, es mangelt an Ausdauer (daher auch diese kleine Zusammenfassung, die Sie gerade lesen!) und der Fähigkeit, Dinge zu Ende zu bring.

Hinzukommen soziale Isolation und Probleme im Umgang mit anderen Menschen.

Zusätzlich können auftreten: Schwierigkeiten, sich selber zu regulieren.

ADHS: Auch Diagnostiker haben Schwierigkeiten oder wie Ärzte Enten jagen gehen

Das Wort DIAGNOSE kommt aus dem griechischen und setzt sich zusammen aus den beiden Wörtern diá, das bedeutet soviel wie „durch“. Das kennt man noch von früher, wenn man bei Freunden Urlaubsdias gucken musste so einen Abend lang. Da musste man dann DURCH. Daher der Name! Und gnósis heißt „Erkenntnis“. Also „durch Erkenntnis“ kommt man zur Krankheit. Oder kurz: Erkenntnis macht krank. Gemeint ist natürlich, dass man erst „durch“ das Wartezimmer muss, um die Erkenntnis zu kriegen, dass man sich das Ganze in den meisten Fällen hätte sparen können. Kamillentee trinken, Hustenbonbon lutschen und drei Tage abwarten. Manches klärt sich von selbst in der Medizin. Oder um es mit Goethe zu sagen:

„Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;

Ihr durchstudiert die groß´ und die kleine Welt

Um es am Ende gehn zu lassen,

Wie´s Gott gefällt.“ (Faust, Schülerszene)

Bei ADHS sieht das ein wenig anders aus: Die Diagnosestellung ist echt mühsam. Normalerweise geht man zu einem Arzt, beschreibt dem welche Beschwerden einen plagen, und der sagt einem anschließend, welche Beschwerden man wirklich hat. Oder man darf sich eine Diagnose aussuchen (F45.2 Hypochondrie). Bei ADHS ist das komplizierter, weil es wie bei den meisten psychischen Erkrankungen, keine körperlichen Marker gibt. Man kann eben niemanden röntgen, Blut abnehmen oder ultraschallen und anschließend steht fest: Jawohl, hier liegt ADHS vor. Nein, so geht das nicht.

Die Diagnosen erfolgen meisten nach eingehender Testung und Befragung möglichst vieler Beteiligter (Eltern, Lehrer, Erzieher). Dazu muss man wissen wie psychiatrische Diagnosen funktionieren.

Stellen Sie sich folgendes vor:

Ein Allgemeinmediziner, ein Psychiater, ein Chirurg und ein Pathologe fahren nach Kanada zum Entenjagen. (Wissen Sie was ein Pathologe ist? Das sind die Leute, die sich nicht so gerne in Schubladen stecken lassen.)

Aber zurück zu unseren vier Ärzten: Am ersten Morgen geht der Allgemeinmediziner raus, kommt sehr schnell wieder herein und sagt: „Draußen sind Tiere!“ (Mehr kann der nicht als so eine allgemeine Aussage.)

Der Psychiater geht raus und bleibt extrem lange draußen. Als er wieder reinkommt, sagt er: „Draußen sind Tiere. Die sehen so aus wie Enten. Die sind auch so groß wie Enten. Die machen auch so Geräusche wie Enten. Die benehmen sich auch wie Enten. Aber ob es wirklich Enten sind, kann ich nicht abschließend sagen.“

Der Chirurg nimmt seine Flinte, geht raus, schießt, kommt wieder rein und sagt zum Pathologen: „Sieh mal nach, ob´s Enten waren!“

Zur Ehrenrettung der Psychiater sei gesagt, dass die Diagnosestellung wirklich einige Schwierigkeiten birgt: körperliche Marker fehlen wie gesagt, also sind eben die oben beschriebenen Verfahren völlig unwirksam und man würde so aufwendige Verfahren wie ein Schädel CT nur anstellen, um andere (körperliche) Erkrankungen auszuschließen – in einer sogenannten Differentialdiagnostik.

Was dem Facharzt bleibt ist die Verhaltensbeobachtung. Die birgt aber die Schwierigkeit, dass sich die Kinder in einer Arztpraxis oft gar nicht so verhalten wie sie es in ihrer gewohnten Umgebung tun. Nicht wenige Eltern sind schier verzweifelt, weil das Kind sich weigert Verhaltensauffälligkeiten zu zeigen. Als ich einmal eine Familie besuchte, bei der die endgültige Diagnose noch offenstand, und ich die Interaktion des Kindes mit seinen Eltern beobachten wollte, verhielt sich das Kind ziemlich normal. Die Eltern waren unruhig und nach 20 Minuten fragte mich die Mutter: „Soll ich ihn mal etwas anstacheln?“

Bleiben für eine ordentliche ärztliche Diagnose noch Befragungen von Eltern, Großeltern, Lehrer oder anderen Bezugspersonen. Man sollte niemals die Betroffenen fragen! Sie wissen es selbst: Patienten sagen so gut wie nie die Wahrheit – allenfalls Teilwahrheiten. Die Amerikanische Psychiater-Vereinigung warnt ihre Mitglieder sogar ausdrücklich davor, die Betroffenen zu befragen, bzw. den Aussagen Glauben zu schenken.  Warum die das tun? Das liegt an der Störung selbst, genauer gesagt an der Wahrnehmung der Umwelt durch die Betroffenen. Ein Beispiel das mir unzählige Eltern, Lehrerinnen oder Erzieherinnen so oder so ähnlich berichtet haben: Man sieht wie das entsprechende Kind etwas „falsches“ macht, einem anderen Kind ein Beinchen stellt zum Beispiel. Spricht man das Kind daraufhin an, sagen die mit völliger Überzeugung und tief empört: „Das war ich nicht!“

Die haben den Baseball-Schläger noch in der Hand haben und weit und breit kein anderes Kind als Täter für die zerbrochene Fensterscheibe in Frage kommt, aber „gefühlt“ sind sie unschuldig. Übrigens fangen nicht selten genauso Politiker-Karrieren an. Gut, manchen enden auch genauso.

Für den ADHS-Leser:

Die Diagnose braucht ziemlich lange – bei vielen psychischen Störungen. Das ist natürlich eine Zumutung für Menschen mit einer mangelhaften Aufmerksamkeitsspanne!

Körperliche Merkmale gibt es keine, daher helfen nur die Beobachtungen von „Außenstehenden“

 

ADHS: Abends den Halloween-Wahnsinn stoppen

Szene: Abends am 31.Oktober 2015

Es klingelt. Als ich öffne, stehen vor meiner Haustür zwei jugendlich wirkende Untote oder zwei untot wirkende Jugendliche, das ist in dem Licht nicht wirklich zu unterschieden.

Ich:           N´Abend!

Vampire:   Süßes oder Saures!?

Ich:           Danke, weder noch. Ich habe gerade gegessen.

Vampir 1:  Nein, nein! Wir bekommen Süßes oder Saures!

Ich:           Ach so! … Na, dann singt mal …

Vampir 2: Häh?

Ich:           Zu St. Martin bastelt man doch Laternen und singt dann ..?

Vampir 1:  Aber es ist doch Halloween

Ich:          Oh … das ist Halloween ..? Das ist natürlich was anderes. Tut mir leid, aber ihr seid hier falsch!Ganz falsch! Falscher Kontinent. Ihr müsst nach Nord-Amerika! – Nicht Europa!

Und langsam, ganz langsam schließt sich die Tür vor den beiden dunklen Gestalten wieder.