Ein ADHS-Abend live in Meckenheim

Ungern gebe ich zu, dass ich vor dem Termin aber so richtig nervös war. – Wie eigentlich immer vor meinen Kabarett-Terminen. Man könnte sagen, mein A… und das Grundeis sind dann immer dickste Freunde! Doch dieser Abend in Meckenheim war etwas Besonderes, denn es wurde gefilmt. Und hier gleich einen kurzen Ausschnitt – mehr kommt noch.

Mein besonderer Dank gilt den fast 70 Zuschauerinnen und Zuschauer, die ihren Abend dafür opfern, sich fortzubilden. Aber auch natürlich an die Leiterin der Familienbildungsstätte, Frau Schmidt-Keusgen, die sich auf dieses „Experiment“ eingelassen hat und an Frau Schulte, die diesen Abend so wunderbar organisiert und so erst ermöglicht hat.

Und natürlich bedanke ich mich bei meinem persönlichen „Michael Ballhaus“: Roman Weisshaupt, der wie immer, professionell, gut gelaunt und so irre schnell die Filme hergestellt hat. Roman, wieso bist du eigentlich nicht in Hollywood?

Wenn es mal nicht läuft oder ADHS: Abschluss dringend heute schaffen!

Dass bei den Hausaufgaben zu wenig gelobt wird, hatte ich ja schon beschrieben. Wir Eltern meckern viel zu häufig ausgiebig und mit großer Freude an den Aufgaben unserer Kinder herum.

Als unsere Tochter nach der Methode „Lesen durch Schreiben“ zu schreiben begann, waren wir gehalten, so wenig wie möglich zu intervenieren. Das war nicht immer leicht, wenn Kinder Worte schreiben wie „Rütmuss“. Es gelang mir meistens, mich zurück zu halten. Einmal jedoch war der Fehler so scheußlich, dass ich doch mal daraufhinweisen wollte. Meine Tochter hörte mir zu, klappte dann das Heft zu und sagte: „Frau K. hat gesagt, Fehler sind zum Lernen da!“ – Welch großartige Pädagogin! Ein Lob auf ihre Gelassenheit und Weitsicht. – Denn unsere Tochter hat es trotz allem geschafft, der deutschen Sprache mächtig zu werden.

Im bester Tradition will ich diesen Eintrag formulieren. Man kann – auch bei total falschen – Hausaufgaben Dinge finden, die man loben kann: z.B. dass das Kind sich überhaupt hingesetzt hat und gearbeitet hat. Das ist doch gut. – Wie ärgerlich für das Kind, dass die Mühe nicht sichtbar wird. Oder nicht anerkannt.

Wenn Ihr Sohn von 20 Matheaufgaben nur 4 richtig hat, nehmen Sie einen Textmarker (grün oder gelb) und markieren Sie die vier und sagen völlig ernsthaft: „Hey! Vier Ausgaben sind richtig! Gestern waren es nur 3! Morgen werden es bestimmt 5! – Weiter so, mein Sohn!“  Das meine ich keineswegs ironisch. Überraschen Sie Ihr Kind mit einer positiven Rückmeldung, die eben niemanden stresst, sondern den Fokus auf die Mühe des Kindes legt. Schließlich lernt das Kind ja noch. Wenn es das schon alles könnte, müsste es ja nur noch „pro forma“ zur Schule.

Eine Erzieherin in einer Offenen Ganztagsschule hat mich mal tief beeindruckt, als Sie mir erzählte, dass es einen Jungen in ihrer Gruppe gebe, der keine fünf Minuten mit seinen Mitschülern draußen spielen könne, ohne dass es Krach gebe. Irgendwann hat sie nach drei Minuten(!) ihm zugerufen: „Du spielst heute toll!“ Der Junge schaute irritiert, spielte weiter und fragte nach weiteren drei Minuten, ob er immer noch gut spiele. Und er bekam abermals eine positive Rückmeldung: „Ja!“ An diesem ersten Tag der Intervention schaffte er es für fast 10 Minuten. „Und heute“, so schloss die kompetente Kollegin stolz, „sind wir bei dreißig Minuten!“

Das ist eine Versechsfachung (!) der Ergebnisse. Das würde – umgerechnet auf unser Mathe-Beispiel – bedeuten, dass Ihr Kind nach einigen positiven Rückmeldungen und Versuchen, 24 von 20 Aufgaben richtig rechnen würde! Das wäre doch phantastisch ..!

Ja, ich weiß, was die Skeptiker denken und sagen: Aber der muss doch lernen, weil er sonst den Anschluss verpasst. Und vor dem geistigen Auge sehen diese Eltern wie der achtjährige in der dritten Klasse die Mathe-Arbeit versemmelt. Dann kriegt der nie eine Gymnasial-Empfehlung, kommt allenfalls mit etwas Glück auf die Hauptschule, gerät spätestens in der 7. Klasse an die falschen Freunde, nimmt Drogen, schafft infolgedessen keinen Abschluss, findet keinen Job, nimmt noch härtere Drogen und verstirbt mit 37 neben einer brennenden Mülltonne unter einer Brücke an den Folgen seiner Leberzirrhose.

Nein, meine lieben Eltern. Es ist nichts passiert, wenn die Matheaufgabe nicht richtig gelöst wurde und es gibt viele Menschen, die ein sehr glückliches Leben führen, ohne je eine Uni von innen gesehen zu haben.

Natürlich bin ich auch dafür, dass Kinder einen guten Schulabschluss machen. Aber doch nicht mit neun Jahren! Die haben doch noch Zeit für die Entwicklung.

Für den ADHS-Leser:

Bei Hausaufgaben alles loben, was in Richtung selbstständiges Arbeiten geht. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut und kein Kind macht mit 9 einen Schulabschluss.

An den Hausaufgaben scheitern

Ein sehr schönes Buch von John Irving trägt den Titel: „Gottes Werk und Teufels Beitrag“. Fragt man Kinder nach des Teufels Beitrag, so sagen die sehr schnell, dass Hausaufgaben eindeutig in der Hölle erdacht wurden. Sie sind Teufelswerk. Im Lied heißt es ja, der Teufel hat den Schnaps gemacht, und ich bin mir sicher, gleich im Anschluss daran hat er die Hausaufgaben erfunden.

Ich habe ja oft an Küchentischen gesessen und Eltern dabei zugeschaut, wie sie die Hausaufgaben ihrer Kinder begleiten. Viele machen das gut, sehr liebevoll und auch richtig.  Aber ein paar Fehler machen fast alle: Sie quatschen dauernd rein. Das Kind macht gerade Mathe und Vati fragt „Was habt ihr denn in Deutsch auf?“

Sie loben zu wenig, meckern eher oder lassen den Besserwisser raushängen.

Aber das allerschlimmste ist folgendes: DAS RADIEREN!

Der Teufel hat vielleicht die Hausaufgaben gemacht, aber den Radierer hat seine Schwiegermutter erfunden! Der Radiergummi ist das perfideste Mittel, um Eltern und Kinder gleichermaßen zu quälen. Kinder in der 1. und 2. Klasse schreiben meistens noch mit Bleistift, damit sie Fehler einfacher korrigieren können. Und gerade Erst- und Zweitklässler machen viele Fehler. Da wird dann oft wie wild radiert, bis das Blatt durch ist.

Eltern nehmen häufig den Radierer zur Hand und radieren kräftig mit. Gnadenlos werden alle falschen Ergebnisse oder falsch geschriebenen Worte ausradiert. Und es folgt die liebevolle Anweisung: „Das machst Du jetzt neu und diesmal ohne Fehler!“

Das finden Eltern völlig normal, dass 20 Minuten Arbeit nochmal gemacht werden müssen. Dabei ist das die totale Frechheit. Angenommen Sie haben für ihren Partner, ihre Partnerin gekocht. Der/die probiert, kippt das Essen in den Müll und sagt:

„Schatz, das war nicht richtig. Das machst Du einfach nochmal.“

Wenn Sie dann mit der Bratpfanne zuschlagen, werden Sie von jedem Richter freigesprochen – Affekthandlung!

Oder stellen Sie sich vor, Ihr Chef würde Ihnen mitteilen, er sei mit Ihrer Arbeit vom Vormittag nicht zufrieden und Sie müssten nun nach Feierabend das korrigieren. Unentgeltlich natürlich und in Ihrer Freizeit.

Sie gingen doch zur Gewerkschaft.

Nun sind aber Erstklässler selten gewerkschaftlich organisiert und einen Betriebsrat gibt es meist auch nicht. Was bleibt also dem Kind übrig? Es bleibt nur der Ausraster, die Wut und die Verzweiflung über diese Ungerechtigkeit. Es fliegen Hefte, Bücher und Stifte. Eltern sind völlig überrascht, dass der Nachwuchs nicht freudig ausruft: „Vielen Dank, liebe Mutti, dass ich jetzt in der Wiederholung noch größere Lernerfolge erzielen kann!“ Ich frage mich, was sind das für Kinder, die so undankbar sind!?

Die Eltern drehen sich dann immer zu mir und sagen ratlos: „Sehn Se! So ist das jeden Tag hier!“

Radierer sind echt der letzte Mist in den Fingern von Eltern. Sie ruinieren beim Radieren die Beziehung. Da hat das Kind gearbeitet, sich angestrengt und – zack – sind die Ergebnisse seiner Bemühungen nicht mehr sichtbar. Wären die Kinder schlau, würden sie sich verweigern und am nächsten Morgen in der Schule ihre zwar falschen aber meist noch erkennbaren Ergebnisse vorzeigen und sagen:

„Schauen Sie, Frau Lehrerin, ich habe meine Aufgaben gemacht, aber meine Mutter hat sie ausradiert!“

Das fände ich toll! Da ruft dann die Lehrerin bei der Mutter an und sagt nicht „Ihr Sohn hat jetzt zum dritten Mal die Hausaufgaben nicht gemacht!“ Sondern: „Sie haben jetzt zum dritten Mal die Hausaufgaben ausradiert, das muss ich leider der Direktorin melden!“

 

Für den ADHS-Leser

Eltern radieren.

Aufgaben ruinieren.

Kinder protestieren.

Möbel demolieren.

Alle frustrieren.

ADHS: Ausgesprochen diskutierfreudig, humorvoll, sensibel

Neulich kam nach einem Auftritt ein freundlicher, älterer Her zu mir und sagte: „Sie erzählen viel über ADHS, aber Sie sagen nichts zu den positiven Seiten!“

Stimmt!

Das hat jetzt ein Ende!

Wir alle kennen die literarischen Figuren Michel aus Lönneberga und Tom Saywer. Wir haben gelacht über das Sams (zugegeben kein Mensch), und über den etwas exzentrischen Karlsson vom Dach. Alle diese Figuren wären ritalinpflichtig. Einer meiner persönlichen Lieblinge ist „Calvin“ von Bill Watterson, das sind großartige Comics, witzig, originell und voller Zuneigung zur kindlichen Sicht der Welt.

Wenn man mit Eltern spricht und sich von denen schildern lässt, was die Kinder gut können, dann sagen die meistens Sachen wie: „Mein Kind ist phantasievoll, kreativ, hilfsbereit, sensibel, fröhlich, neugierig und kreativ.“ Viele beschreiben, dass ihr Kind über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügt und seinen Charme spielen lassen kann – vor allem, wenn es etwas erreichen will (Stichwort: Taschengelderhöhung). Wenn die Kinder etwas älter sind, dann sagen Eltern schon mal: „Der diskutiert und diskutiert …“ das nehmen die meisten jetzt nicht unbedingt als Stärke wahr; bei Lichte besehen ist es aber eine!

Ein alleinerziehender Vater erzählte mir vor Jahren von seinem perfekten Plan für die Weihnachtsfeiertage: Er habe, um in Ruhe ausschlafen zu können und die Tage eher ungestört zu verbringen, seinem Sohn (7 Jahre) zu Weihnachten den großen LEGO-STAR-WARS-Sternenzerstörer besorgt.  Wie er fand, ein äußerst trickreiches Manöver; denn der Sohn brauche bestimmt tagelang, um dieses Teil zusammen zu kriegen. Er könne derweil in Ruhe ein Buch lesen oder kochen oder einfach nichts tun.  Im Januar berichtete er mir dann, dass der Sohn begeistert am Heiligabend ans Werk ging und – nach einer kurzen Nacht – weckte er morgens gegen neun Uhr seinen Vater, um ihm zu verkünden, das Raumschiff sei nun fertig und er müsse jetzt mal gucken kommen. Noch bevor der Vater die erste Tasse Kaffee intus hatte, stand er bereits vor einem fertig aufgebauten imperialen Sternezerstörer. Stolz ging er ins Kinderzimmer und holte das Raumschiff: „Hier! Toll, ne!? Hat er ganz alleine zusammengebaut!“ Über die Festtage hätten sie gemeinsam manche Weltraumschlacht geschlagen, aber er sei auch tatsächlich zum Lesen gekommen.

Das nennt der Fachmann Hyperfokussierung: also die Fähigkeit, sich ganz und gar einer Sache zu widmen und konzentriert etwas zu Ende zu bringen. – Sofern es denn über eine große Wichtigkeit für denjenigen verfügt. Musiker berichten manchmal davon, dass sie im „Flow“ sind und sich ganz der Musik hingeben. Sie musizieren stundenlang, ohne das Vergehen der Zeit zu bemerken. – Ein Zustand den man sich immer dann wünscht, wenn die Schwiegermutter zu Besuch kommt. Da hat man das gegenteilige Gefühl: Die Minuten werden in Hundejahren gezählt.

Gerade Eltern, die ein sehr gutes und liebevolles Verhältnis zu ihren ADHS-Kindern aufbauen können, erleben die positiven Seiten besonders stark: Die Kreativität und die Begeisterungsfähigkeit.

Im schlechtesten Falle sind Eltern frustriert darüber, dass das Kind zwar stundenlang mit Bausteinen spiele, aber erst nach 30 Minuten häuslicher Auseinandersetzung überhaupt bereit sei, sich an den Schreibtisch zu SETZEN, um anschließend (vielleicht) Hausaugaben zu machen.

An der Stelle wäre es ja nur allzu verlockend, all jene Prominente aufzuzählen, die sich zu ihrer ADHS bekannt haben, oder diejenigen, denen man sie nachsagt. Wolfgang Amadeus Mozart soll eine solche Störung gehabt haben; leider ist es unmöglich, posthum „richtige“ Diagnosen zu stellen und vielleicht deswegen musste Mozart schon für so manche psychische Störung Pate stehen! Das halte ich für gefährlichen Unfug!

Einstein ist wiederholt sitzen geblieben. Dennoch gilt: Nicht jeder zweimalige Sitzenbleiber wird Nobelpreisträger! Es nützt den Betroffenen herzlich wenig, wenn man ihnen erzählt, dieser oder jener habe ebenfalls ADHS gehabt. Auf diese Liste kommen zwar Leute wie der Olympia-Gold-Schwimmer Michael Phelps. Aber eben auch Kurt Cobain. Und man muss ja nicht jedem Vorbilder nachhängen.

Niemand wird erfolgreich, weil er ADHS hat. Und niemand bleibt erfolglos deswegen. Zu einem „erfolgreichen“ Leben zählen mehr Faktoren als die Frage, habe ich ADHS oder nicht! Der wichtigste Faktor für ein „erfolgreiches“ Leben ist es doch, sich auf seine Stärken zu konzentrieren und seine Schwächen zu kennen.

Und ich habe eine Schwäche für alle, die mit ADHS umgehen müssen, können oder dürfen!

Ursachen der Störung oder „Ach, Daher Hamm Ses!“

Über die Ursachen der ADHS gibt es bislang keine eindeutigen Befunde. Es scheint einigermaßen gesichert zu sein, dass es sich um eine Störung handelt, die sich nur über das Zusammenspiel verschiedener Faktoren erklären lässt. Das nennt der Experte dann „multifaktorielle Entstehung“. Das ist, frei übersetzt, die Beschreibung für „Wir haben keine Ahnung vorher es kommt.“

Wir müssen uns aber jetzt nur drei Dinge merken:

  • ADHS wird vererbt … nicht unbedingt im rein genetischen Sinne, aber dreiviertel der Kinder mit ADHS hat Eltern, die als Kind unter den gleichen Symptomen litten. – Wir erinnern uns noch daran, dass Jungs zu Mädchen im Verhältnis stehen etwa 3:1 oder 4:1. Das heißt umgekehrt, dass die Wahrscheinlichkeit, es von der Mutter geerbt zu haben mindestens um den Faktor 3 kleiner ist!
  • Sozioökonomische und familiäre Faktoren: Also die Frage danach, in welche Familie wird das Kind hineingeboren und wie geht es dieser Familie. Dabei ist das Verhalten während der Schwangerschaft sehr wichtig: Wenn die Mutti raucht oder säuft, schadet das dem werdenden Leben, Umweltgifte kommen als Risiko dazu, aber auch Stress während der Schwangerschaft, und damit ist eben nicht gemeint, dass man als Frau nach der Fußpflege noch schnell mit der Freundin schoppen muss, sondern echter Stress: Die Wohnung zu klein, das Geld zu knapp oder der Gatte zu klein, der Gatte zu knapp.

Obendrauf kommt noch ein geringes Geburtsgewicht, durch Mangelernährung der Mutter. Und eine ganze Reihe möglicher Komplikationen: geringer sozioökonomischer Status, alleinerziehende Elternteile, Patch-work Familien, schlechte Schulbildung der Eltern und psychische Erkrankungen der Eltern sind wiederum Risikofaktoren, die – ganz allgemein – zu einer psychischen Schädigung des Kindes führen können.

Und ganz im Ernst: Das ist kein individuelles Problem, das ist ein gesellschaftliches Problem, das wir gemeinsam lösen müssen und von dem wir nicht sagen können: Tja, Gnädigste, da haben Sie eben Pech gehabt!

Wer eine schlechtere Schulbildung hat, bekommt einen schlechteren Job und verdient weniger Geld. Das wirkt sich eben negativ auf aus den stressanfälligen Nachwuchs. – Es steigt das Risiko, wenn man an den drei entscheidenden Stellen nicht aufpasst: in der Schule, bei der Berufswahl und beim Aussuchen des Partners.

Bleiben wir noch etwas beim Verkehr: Das sind eben Züge, die abgefahren sind, daran können Sie nichts mehr ändern. Selber schuld: Sie haben sich den Typen ausgesucht (Gene und Vererbung!) und sie haben es in der Schwangerschaft gemeinsam verbockt (Stress, Drogen, Alkohol, etc.).

Beide ICEs sind abgefahren, aber Erziehungsverhalten – als dritte Variable – ist die S-Bahn, die alle halbe Stunde fährt. Und die kann man eben täglich verändern oder sich bemühen, es zu verändern.

Wissenschaftler (Esser u.a., 2007) haben immer wieder Mütter und ihre Kinder beobachtet und festgestellt, dass in den ersten Wochen nach der Geburt, das Verhalten von Müttern nicht als Indikator für später auftretende  psychische Störungen zweifelsfrei identifiziert werden kann. Das bedeutet, dass die Mütter mit ihren späteren ADHS-Patienten-Kindern genauso umgehen, wie alle anderen Mütter auch. Nicht besser, nicht schlechter!

Aber im Alter von zwei Jahren haben die Mütter und  ihre Kinder bereits ein solch anderes Verhalten mit einander entwickelt, dass man mit einer hohen Wahrscheinlichkeit voraussagen kann, ob das Kind später eine ADHS haben wird oder nicht. Wobei keiner sagen kann, was dabei Henne und Ei ist. Wer die Glucke ist, ist klar, aber was diese veränderte Interaktion ausmacht, ist unklar: ist es das andere Verhalten des Kindes oder verhält sich die Mutter anders.

Die logischste Erklärung ist, dass beide mit einander ein für beide Seiten abträgliches Verhaltensmuster „erfunden“ haben, aus dem beide keinen Ausweg finden.

 

Für den ADHS-Leser: Keiner weiß genau, woher es kommt. (Der Fachmann sagt: multifaktoriell). Ungünstig sind materielle Not, Stress der Eltern und ungünstiges Erziehungsverhalten.

 

Für alle, die mehr wissen wollen:

Banerjee, T.D., Middleton, F. und Faraone S.V. (2007): “Environmental risk factors for attention-deficit hyperactivity disorder” in Acta Paediatrica, Seite 1269-74

Esser, G., Fischer, S., Wyschkon, A. u.a. (2007): „Vorboten hyperkinetischer Störungen – Früherkennung im Kleinkindalter“ in Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Vol. 35 (2), Seite 127-136

Faraone S.V., Perlis R.H., Doyle A.E.,Smoller, u.a. (2005): “Molecular genetics of attention deficit hyperactivity disorder” in Biological Psychiatry, Seite 1313-1323

Spencer, T.J., Biederman, J. und Mick, E (2007): “Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: Diagnosis, Lifespan, Comorbidities, and Neurobiology“ in Journal of Pediatric Psychology, Seite 631-642

ADHS: Aufschrei der höheren Semester oder die kleinen Erkenntnisse aus einer großen Studie

Als einige namhafte Forscher in den USA eine große Studie anleierten, waren die Anti-Medikamenten-Experten über die Ergebnisse entsetzt. Denn viele Forscher hatten eine gute Verbindung zu dem Pharmazieunternehmen „NOVARTIS“. Dabei ging es im wesentliche um einen Vergleich multimodaler Behandlungen (Multimodal Treatment Study oder auch MTA-Studie).

In der Studie zeigte sich, dass das hauseigene Produkt („Ritalin“) unglaublich gute Wirkungen erzielte.  Da sagten einige, das wäre so, als würde man Köchen überlassen, sich selber Michelin-Sterne zu verteilen. Da macht dann auch das Motto von Tim Mälzer wieder Sinn: Schmeckt nicht, gibt´s nicht! (Übrigens ein Motto, das in vielen deutschen Universitäts-Mensen täglich erfolgreich widerlegt werden kann.)

Die einfache Wahrheit dieser großen Studie war, dass es – nach sechs Monaten Laufzeit – in den vier Gruppen sehr, sehr unterschiedliche Ergebnisse gab. Es gab eine Gruppe, die eine 08/15 Behandlung bekam, eine andere Gruppe erhielt  Elterntraining, eine weitere Gruppe bekam Medikamente fürs Kind und in der vierten Gruppe wurden die Eltern trainiert und die Kinder medikamentiert.

Dass die Gruppe jener Eltern, denen kaum Behandlung zuteil wurde,bei jeder Befragung die Schlusslichter waren, nimmt man in der Wissenschaft in Kauf – das ist die sogenannte „Kontrollgruppe“. Die kontrollieren nicht, die werden kontrolliert. Wenn es der Kontrollgruppe am Ende besser geht als der „Interventionsgruppe“, kann man zweifelsfrei sagen, dass die Intervention ziemlicher Unfug ist. Es könnte natürlich auch sein, dass man einer wissenschaftlichen Sensation auf der Spur ist: eine Erkrankung, die durchs Aussitzen besser wird –und damit meine ich jetzt nicht Hämorrhoiden.

Zahlreiche Experten schrieben wütende Fachartikel: es sei doch kein Wunder, dass eine Forschung, die doppelt gedopt sei, diese Ergebnisse zu Tage fördere. Schließlich gab Geld UND Ritalin vom Konzern.

Wie entspannt reagierte die Fachwelt auf die weiteren Ergebnisse: Langfristig zeigt sich nämlich, dass die Gruppe, die ausschließlich Elterntrainings erhielt, ebenso gut abschnitt wie die anderen beiden „Therapie“-Gruppen (Medikamente und Medikamente + Elterntraining).

Etwas vereinfacht könnte man also sagen, je nachdem wie heftig man sich auf den Finger haut mit dem Hammer, desto mehr „Kühl- und Schmerzmittel“ sollte man nutzen. Der grundsätzliche Verzicht auf eines davon macht wenig Sinn.

Oder anders: Wenn die Familie extrem leidet, macht es Sinn Medikamente und Elterntraining zu machen.

Ja, ich weiß, bei einigen geht gerade der Blutdruck durch die Decke und bevor Sie jetzt erst Betablocker schlucken und anschließend wütende email schreiben, hier noch der Hinweis auf eine andere Forschung: Pelham und Kollegen (2000) konnten zeigen, dass es möglich ist, gänzlich auf den Einsatz von Medikamenten zu verzichten, wenn man ein sehr aufwändiges Trainingsprogramm durchführt (dessen Übertragbarkeit auf Deutschland jedoch sehr zweifelhaft ist). Einschränkend erwähnen die Forscher, dass für eine große Zahl der Betroffenen (43-70%) keine „Normalisierung“ erreichbar sei.

 

Für den ADHS-Leser:

Eine gute Kombinationstherapie verspricht den besten Erfolg.

 

Für alle, die mehr wissen wollen:

Jensen, P. S., Arnold, L.E., Swanson, J.M., Vitiello, B., Abikoff, H.B., Greenhill, L. L., Hechtman, L., Hinshaw, S. P., Pelham, W. E., Wells, K. C., Conners, C.K., Elliott, G. R., Epstein, J.N., Hoza, B., March, J. S., Molina, B.S.G., Newcorn, J. H., Severe, J. B., Wigal, T., Gibbons, R.D. und Hur, K. (2007): “3-Year Follow-up of the NIMH MTA Study” in Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Vol. 46 (8), Seite 989-1002

Pelham jr., W E., Gnagy, E. M., Greiner, A.R., Hoza, B., Hinshaw, S.P., Swanson, J.M., Simpson, S., Shapiro, C., Bukstein, O., Baron-Myak, C. und McBurnett, K. (2000): „Behavioral versus Behavioral and Pharmacological Treatment in ADHD Children Attending a Summer Treatment Program” in Journal of Abnormal Child Psychology, Vol. 28 (6), Seite 507-525

Swanson, J.M., Kraemer, H.C., Hinshaw, S.P., Arnold, E., Conners, C. K., Abikoff, H.B.., Clevenger, W., Davies, M., Elliott, G.R., Greenhill, L.L., Hechtman, L., Hoza, B, Jensen, P.S., March, J.S., Newcorn, J.H, Owens, E.B., Pelham, W.E., Schiller, E., Severe, J.B., Simpson, S., Vitiello, B., Wells, K.C., Wigal, T. und Wu, Min (2001): “Clinical Relevance of the Primary Findinds of the MTA: Success Rates Based on Severity of ADHD and ODD Symptoms at the End of Treatment” in Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Seite 168-179

Swanson, J.M., Hinshaw, S. P., Arnold, L.E., Gibbons, R.D., Marcus, S., Hur, K., Jensen, P. S., Vitiello, B., Abikoff, H.B., Greenhill, L. L., Hechtman, L., Pelham, W. E., Wells, K. C., Conners, C.K., March, J. S., Elliott, G. R., Epstein, J.N., Hoagwood, K., Hoza, B., Molina, B.S.G., Newcorn, J. H., Severe, J. B. und Wigal, T. (2007): “Secondary Evaluations of MTA 36-Month Outcomes: Prospensity Score and Growth Mixture Model Analyses” in Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Seite 1003-1014

 

 

 

ADHS „Aber Drogen helfen schon!?“ vom verkrampften Umgang mit Medikamenten

Wer sich mit den Therapie-Ansätzen zu ADHS beschäftigt, wird gezwungen sich einem Lager zuzuordnen:

„Sind Sie auch für Ritalin?“ ist eine häufig zu hörende Frage, deren Antwort viele schon nicht mehr abwarten, wenn man nicht sofort und entschieden „NEIN!“ brüllt. So teilen wir unsere Gesellschaft ein, in die guten (gegen Medikamente) und die Bösen (für Medikamente).

Damit lässt sich leben.

Allerdings nur so lange bis man selber mal in die Verlegenheit kommt, sich mit dem Thema ADHS persönlich zu beschäftigen und Eltern unvermittelt vor der Frage stehen: Gebe ich meinem Kind ein Medikament oder nicht. Es lässt sich einfach urteilen, wenn man keine eigene Betroffenheit verspürt.

Als ich mal einer Mutter mitzuteilen versuchte, dass Medikamente durchaus ihre Berechtigung haben – neben verhaltenstherapeutischen Maßnahmen – und sie tatsächlich den Kindern helfen können, sagte sie mir wütend: „Aber Drogen helfen schon, oder was?“

„Sind Sie für Ritalin?“ – Man kann nicht für oder gegen ein Medikament sein. Man kann nur für eine gute Therapie sein.

Und zu der können unter Umständen eben auch Medikamente gehören.

Wenn Sie persönlich ein totaler Gegner von Medikamenten sind, dann nehmen Sie doch mal einen Hammer, legen Ihren Daumen auf die Tischkante und hauen auf den Daumen drauf. Je nach persönlichem Geschmack und Bedürfnis können Sie stärker ausholen oder den Hammer nur sanft auf den Daumen gleiten lassen. Anschließend dürfen Sie gerne überlegen, ob Sie weiterhin gegen jegliche Gabe von Medikamenten sind oder nicht. Wenn ja, dann warten Sie einfach, bis die körpereigenen Schmerzmittel z.B. Enkephaline, Endorphine und Dynorphine einsetzen.

Die Schlauen gehen zum Eisfach und legen eine kalte Kompresse auf den Daumen.

Die Neunmalklugen machen beides: Kalte Kompresse und Schmerzmittel.

Und genauso sollte man es mit ADHS eben auch handhaben.

Am besten funktionieren nun mal Kombinationstherapien.

 

Für die ADHS-Leser:

Medikamente können helfen.

Am besten wirken aber Kombinationstherapien.

 

Für alle, die mehr wissen wollen

Pelham jr., W.E., und Fabiano, G.A. (2008): „Evidence-based psychosocial treatments for attention-deficit/hyperactivity disorder” in Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology, Seite 184-214

Frölich, J., Lehmkuhl, G. und Döpfner, M. (2010): „Medikamentöse Behandlungsalgorithmen bei Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen unter Berücksichtigung spezifischer Komorbiditäten“ in Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Seite 7-20

ADHS: Auch das Hirn stärken

In den letzten Blog-Einträgen hatten wir ja über das Gehirn gesprochen. Und darüber, dass ADHSler so wenig Leistung zeigen können, obwohl sie eigentlich in der Lage wären, diese Leistung auch zu erbringen, sie müssen sich eben nur mehr anstrengen als der Normal-Bürger. Sie reagieren deutlich besser auf finanzielle Belohnungen (Demurie und Kollegen, 2011) als auf positive soziale Rückmeldungen. – Ein Verhalten, das sonst nur Banker und Versicherungsvertreter zeigen!

Eine wichtige Erkenntnis ist natürlich jetzt gefragt: Was kann ich als Mitmensch, Eltern, Erzieher oder Lehrerin tun, damit ich das Hirn meines ADHS-Gegenübers austrickse und ihm helfen?

Die Antwort ist so banal wie nur eben möglich: Wenn das Gehirn es nicht schafft, sich selber zu belohnen, müssen andere das übernehmen. Also die lieben Mitmenschen, damit im Gehirn des Betreffenden neuronale Bahnen gebaut werden, die etwas Ordnung ins innere und äußere Chaos bringen.

Was im Hirn der Betroffenen wenig funktioniert ist das Belohnung-System. Ein kleines Beispiel: Ihr Kardiologe, ihr Orthopäde oder Ihr Partner sagt Ihnen, sie sollten mehr Sport machen. Sie beschließen nun das Joggen anzufangen. Sie starten mit einer kleinen Runde von 5 km. Leider werden Sie das nicht schaffen, denn Sie sind untrainiert. Aber willig. Nach vier Versuchen schaffen Sie die ganze Runde in einem Rutsch durchzulaufen. Sie kommen zu Hause an, Ihr Herz rast, Ihr Kopf ist hochrot und die Zunge hängt Ihnen übers Kinn. Aber sie haben es geschafft. Ihr Körper schüttet Glückshormone aus, die sie in ein echtes „Hochgefühl“ versetzten. Sie sind so geflasht, dass Sie ihrer Nachbarin zurufen: „Ich hab´s geschafft!“ Die denkt wahrscheinlich: „Jetzt spinnt sie vollkommen und redet wirres Zeug!“ Aber Sie fühlen sich für Stunden gut. Nach zwei Tagen laufen Sie wieder – machen Sie einen Tag Pause, lassen Sie den Muskeln Zeit und genießen Sie den Muskelkater in vollen Zügen. Nun schaffen Sie die Runde, aber das „Hochgefühl“ ist nicht mehr so intensiv. Sie fühlen sich gut, aber nicht mehr so großartig wie zuvor. Wenn Sie nun regelmäßig laufen, verflacht dieses Gefühl und weicht einem guten Gefühl „etwas getan zu haben.“ Wenn Sie aber den Kick vom ersten Mal wieder haben wollen, müssen Sie sich eine Uhr kaufen, die Zeit stoppen und wenn Sie es dann unter 35 min. zum ersten Mal schaffen, dann kommen Sie nach Hause, der Kopf ist wieder rot, die Zunge hängt über´s Kinn und Sie röcheln Ihrer Nachbarin zu: „34:56“. Die versteht kein Wort, aber Ihnen ist das jetzt im Augenblick völlig egal, sie fühlen sich wieder großartig. – Bei ADHS-lern fehlt genau dieser Kick. Die können sich nicht so gut selber belohnen (vergl. Fair und Kollegen, 2010). Und nun die Frage: Wären Sie wirklich dabeigeblieben, wenn nach der ersten kompletten Runde der Kick nicht gekommen wäre? Wahrscheinlich nicht.

 

Für den ADHS-Leser

Am besten lassen Sie sich mit Geld zu Höchstleistungen anspornen. Zur Not geht aber auch ein ehrliches Lob!

 

Für alle, die mehr wissen wollen:

Demurie, E., Roeyers, H., Baeyens, D. und Sonuga-Barke, E. (2011): „Common alterations in sensitivity to type but not amount of reward in ADHD and autism spectrum disorders“ in Journal of Child Psychology and Psychiatry, Seite 1164-1173

 

Fair, D.A., Posner, J., Nagel, B.J., Bathula, D., Dias, T.G., Mills, K.L., Blythe, M.S., Giwa, A., Schmitt, C.F. und Nigg, J.T. (2010): „Atypical default network connectivity in youth with attention-deficit/hyperactivity disorder” in Biological Psychiatry, Seite 1084-1091