ADHS: Angetraute, Denkvermögen, Hochbegabte, Senioren oder was wird aus den ADHS-Kindern, wenn sie groß werden?

Dass Eltern unter ADHS leiden, habe ich ja schon ausführlich beschrieben – sie leiden eben unter dem ADHS ihrer Kinder. Aber Erwachsene können sehr wohl noch Symptome zeigen. ADHS ist keine Störung, die sich mit dem Einsetzen der Pubertät von alleine erledigt. Das tut sie eben nur bei etwa der Hälfte der betroffenen Kinder. Die anderen 50% behalten die Symptome. Oder wenigstens viele der Symptome. Die Hyperaktivität und die Impulsivität nehmen meistens ab.

Viele der ADHS-geplagten Eltern hatten selber eine ADHS-Problematik als Kind oder haben einen Partner gewählt, der eine solche Problematik hatte. Daher mein Rat an die Frauen auf Partnersuche: Lassen Sie sich von der Schwiegermutter doch mal Kinderfotos zeigen und seien sie sehr neugierig, wenn es um „alte Geschichten“ geht. Der Partner wird das nicht gerne sehen und hören, aber mit den gehörten Geschichten können Sie immer noch entscheiden, ob es eine gute Idee ist, mit einem vermeintlichen Ex-ADHSler Kinder zu zeugen. Vielleicht doch lieber ein Kind adoptieren, wenn die Geschichten aus der Kindheit des zukünftigen Gatten zu wild klingen. Wenn der Rat für Sie jetzt zu spät kommt … kurz Luft holen und weiterlesen. So schlimm ist das alles gar nicht! Aus Ihren Kindern können doch noch ganz manierliche Leute werden, immerhin haben Sie sich ja mal in den Vater verliebt. Irgendwas macht der ja richtig im Leben!

Es überrascht etwas, dass die Erwachsenen erst so spät in den Fokus der ADHS-Forscher geraten sind. Erst Anfang des 21. Jahrhunderts stieg die Zahl der wissenschaftlichen Arbeit deutlich an (Retz-Junginger et al., 2002).

Erwachsene mit ADHS haben meist mehr Jahre in der Schule verbracht als ihre Klassenkameraden. Jedoch hält sich ihr „Gewinn“ in Grenzen, sie machen häufig schlechtere Abschlüsse, obwohl vom reinen IQ-Wert sie durchaus mithalten könnten. – Da ist eine deutliche Parallele zur Deutschen Bahn: Man zahlt ein Ticket für eine Fahrt von, sagen wir, zwei Stunde, bekommt dann jedoch deutlich mehr Fahrtzeit geschenkt von der Bahn! Und nicht selten darf man dann statt in Köln Hauptbahnhof bereits in Deutz den Zug verlassen – wegen „dringend notwendiger Gleisarbeiten“. Vielleicht hat die Deutsche Bahn einfach ADHS?

Nach dem mieseren Schulabschluss bekommen ADHSler häufig schlechter bezahlte Jobs – und das obwohl es mehrheitlich Männer sind. Ja, nicht nur Frauen werden für die gleiche Arbeit schlechter entlohnt.

Kinder mit ADHS suchen sich gerne genau jene Ausschnitte der Wirklichkeit aus, in denen sie Erfolge einfahren können. Das überrascht nicht wirklich, das machen wir alle so. Wer besonders schön singen kann, sollte nicht zum Finanzamt gehen und wer umgekehrt gut mit Zahlen umgehen kann, wird vielleicht niemanden begeistern, wenn er öffentlich singt. (Ausnahmen sind denkbar, aber Sie verstehen meinen Punkt.) Einige Erwachsene mit ADHS sind im „Nischen-Surfen“ so erfolgreich, dass ihre ADHS sozusagen keine Rolle in ihrem Leben spielt, weil sie in dem Ausschnitt der Wirklichkeit, in dem sie gut sind, so gut sind, dass das Fehlen anderer Fähigkeiten nicht weiter ins Gewicht fällt. Wer würde einem erfolgreichen Kreativ-Direktor vorwerfen, dass er zwar vor Ideen nur so sprüht, aber grundsätzlich alle Belege für die Steuer verbummelt. Eben. Der Kreativ-Direktor hat eine kluge Assistentin (die er hoffentlich gut bezahlt!), und die sammelt dann für ihn die Belege.

Oder falls es mies gelaufen ist, sitzt der ADHSler doch beim Finanzamt, kann aber seinen Bewegungsdrang bei der regelmäßigen Teilnahme an irgendwelchen Triathlon-Veranstaltungen kompensieren.

Es gibt eine Zeitspanne, in der es sich lohnt ADHS zu haben: zwischen 15 und 25; denn ADHSler haben nicht nur früher den ersten Sex ihres Lebens, sondern sie haben deutlich mehr Sexualpartner als andere. (Davon träumen viele Studenten.) Leider eben auch mehr Geschlechtskrankheiten. Und später haben sie größere Probleme, eine längerfristige Beziehung zu haben. (Davon träumen viele Ehemänner mit steigernder Ehedauer.)

Erwachsene mit ADHS tun sich sehr schwer, Ziele zu erreichen, die sie sich selber gesteckt haben – dies gelingt mit therapeutischer Intervention besser (Lauth et al., 2010).

Was bei allem Witz tatsächlich tragisch ist, dass wir als Gesellschaft uns erlauben, das Potential, das diese Menschen mitbringen (Kreativität, Gerechtigkeitssinn, Empathie und Hilfsbereitschaft) leichtfertig zu ignorieren und uns häufig zu wenig bemühen in Schule und Ausbildung dafür zu sorgen, dass die Ressourcen zum Einsatz kommen und weniger die Defizite aufmerksam verfolgt und „ausgemerzt“ werden sollen.

Und liebe Eltern, wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter, zwar künstlerisch begabt ist, aber in der Schule nicht wirklich Erfolge feiern kann, tun Sie uns alle einen Gefallen, stellen Sie das Kind lieber auf eine Bühne als im Steuerbüro vor.

 


Für alle, die mehr wissen wollen:

Barkley, R.A., Fischer, M., Smallish, L und Fletcher, K. (2006) “Young Adult Outcome of Hyperactive Children: Adaptive Functioning in Major Life Activities” in Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Seite 192-202

Lauth, G.W., Breuer, J. und Minsel, W.R. (2010): „Goal Attainment Scaling in der Ermittlung der Behandlungswirksamkeit bei der behavioralen Therapie von Erwachsenen mit ADHS“ in Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Seite 45-53

Retz-Junginger, P., Retz, W., Blocher, D., Weijers, H.G., Trott, G.E., Wenders, P.H und Rösler, M. (2002): „Wender Utha Rating Scale (WURS-k)“ in Der Nervenarzt, Seite 830-838

Schmidt, S. und Petermann, F. (2008): „Entwicklungspathologie der ADHS“ in Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie,  Seite 265-274

Inklusion – auch das noch!!!

Nein, ich habe den Film nicht gesehen und ja, es kann gut sein, dass ich ihn auch nie sehen werde. In meiner Freizeit schaue ich lieber Unterhaltungskino als schwergängige Dokumentationen, die von Problemen handeln, mit denen ich mich von Berufswegen befasse.

Aber da ich in den letzten Tagen immer wieder darauf angesprochen wurde, hier nun (m)ein „letztes“ Wort dazu:

Inklusion bedeutet das gleichberechtigte Miteinander von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, Geschlecht, Bildungsgrad, (Nicht-) Behinderung etc. Steht quasi so im Grundgesetz: Die Würde des Menschen in unantastbar.

Gerne wird Inklusion auf Schule beschränkt gesehen, weil da so schön augenfällig wird, was alles nicht klappt. Aber fragen Sie mal einen blinden Menschen, wie es mit der Barrierefreiheit in Deutschland bestellt ist. Oder wie oft laufen Omas mit Rollatoren auf der Straße, weil die Bürgersteige nicht abgeflacht sind und sie daher gar nicht erst raufkommen – von Rollstuhlfahrern möchte ich gar nicht reden.

Dass Inklusion in der Schule noch nicht zu 100% klappt, fällt jedem auf, der eine Schule von innen gesehen hat. Ja, es ist noch viel zu tun. Ja, es gibt Reibungsverluste. Ja, es könnte sogar sein, dass sie gelegentlich Schaden anrichtet.

Aber es ist ein Witz im Vergleich zu den Schäden, die wir den Kindern antun, wenn wir sie wohlmeinend in ein „Behinderten-Ghetto“ stecken, wo sie behütet aufwachsen können. „Behütet“ ist dann jenes Argument, das wir einem Feigenblatt gleich vor unser schlechtes Gewissen kleben, weil wir eigentlich nicht mit Behinderten, Kranken und Schwachen zusammenleben wollen. Denn die erinnern uns immer so fies daran, dass wir alle eines Tages Pflege und Hilfe benötigen werden. Also mal schön wegsperren, dann stören die nicht mehr so.

Viele Lehrer stoßen in das gleiche Horn, weil sie sich dieser Herausforderung nicht gewachsen oder dafür nicht angemessen ausgebildet fühlen. Sonderpädagogen fürchten, ihre „kuscheligen“ Sonderschulen verlassen zu müssen und in sogenannten Regel-Schulen unterzugehen. Dies alles sind berechtigte Sorgen, die gut nachvollziehbar sind.

Eltern von Kindern mit „außerordentlichem Förderbedarf“ haben Angst, dass ihr Kind nicht ausreichend gefördert wird. – Allerdings ist diese Furcht nichts im Vergleich zu der Panik, die Eltern zeigen, wenn sie hören, dass in der Klasse ihres Kindes auf einmal „Behinderte“ sind. Oh Gott!! Die Vorstellung, dass das eigene hochbegabte Kind nicht genug Gehirn-Futter bekommt, um der Nobelpreisträger zu werden, den man gerne zu Hause hätten, raubt Millionen Eltern den Schlaf. Da werden sogar Info-Abende abgehalten, um zu verhindern, dass Inklusion ausgerechnet in dieser Klasse stattfinden muss.

Und beide Seiten klagen unisono, dass Schule unfähig sei, „mein Kind richtig zu fördern“, was nach einem Pauschalurteil gegenüber Lehrern klingt.

Dabei vergessen viele, dass die meisten Schulen bereits seit Jahrzehnten Inklusion betreiben: Wir alle erinnern uns an den einen oder anderen Mitschüler, der eher merkwürdig war oder den Klassenclown gab. Heute wären das wohlmöglich „Inklusionskinder“.

Ich glaube, die Debatte um schulische Inklusion ist eine einzige Luftnummer. „Behinderung“ in all ihren Formen gehört zu unserem Leben dazu – wie Geburt und Tod. Und Inklusion ist ein Menschenrecht und kein Gnadenakt der Nichtbehinderten.

Es gibt im Leben mehr zu lernen als Algebra und französische Grammatik. – Nach der schweren Messer-Attacke auf die Kölner Oberbürgermeisterin musste sich Frau Henriette Reker auch wieder „ins Leben zurückkämpfen“ und in einem sehr persönlichen Statement hat sie sich bei einem Kölner Psychologen bedankt, den sie seit vielen Jahren kannte und der aufgrund eines Unfalls querschnittsgelähmt ist: „Ich musste an Sie denken und das gab mir Kraft, das auch zu schaffen.“

Allen Sorgen von Eltern zum Trotz, sind es gerade die behinderten und nichtbehinderten Kinder, die Inklusion wie selbstverständlich leben und die jeweils andere Seite als Bereicherung erleben.

Na bitte, Behinderung ist Fähigkeit – mal ist es die eigene, mal ist es eine für andere. So geht Inklusion. Liebe Eltern, liebe Lehrer fangt doch bitte mal an – ohne Euch von Sorgen, Ängsten und Bedenken auf den Weg zu machen.

 

P.S.: Bei der Vorführung des Films „Ich.Du. Inklusion“ in einem Kölner Kino mit anschließender Diskussion fehlten dann auch prompt die Untertitel für die Gehörgeschädigten und/oder Gebärdendolmetscher.

Ein ADHS-Abend live in Meckenheim

Ungern gebe ich zu, dass ich vor dem Termin aber so richtig nervös war. – Wie eigentlich immer vor meinen Kabarett-Terminen. Man könnte sagen, mein A… und das Grundeis sind dann immer dickste Freunde! Doch dieser Abend in Meckenheim war etwas Besonderes, denn es wurde gefilmt. Und hier gleich einen kurzen Ausschnitt – mehr kommt noch.

Mein besonderer Dank gilt den fast 70 Zuschauerinnen und Zuschauer, die ihren Abend dafür opfern, sich fortzubilden. Aber auch natürlich an die Leiterin der Familienbildungsstätte, Frau Schmidt-Keusgen, die sich auf dieses „Experiment“ eingelassen hat und an Frau Schulte, die diesen Abend so wunderbar organisiert und so erst ermöglicht hat.

Und natürlich bedanke ich mich bei meinem persönlichen „Michael Ballhaus“: Roman Weisshaupt, der wie immer, professionell, gut gelaunt und so irre schnell die Filme hergestellt hat. Roman, wieso bist du eigentlich nicht in Hollywood?

Wenn es mal nicht läuft oder ADHS: Abschluss dringend heute schaffen!

Dass bei den Hausaufgaben zu wenig gelobt wird, hatte ich ja schon beschrieben. Wir Eltern meckern viel zu häufig ausgiebig und mit großer Freude an den Aufgaben unserer Kinder herum.

Als unsere Tochter nach der Methode „Lesen durch Schreiben“ zu schreiben begann, waren wir gehalten, so wenig wie möglich zu intervenieren. Das war nicht immer leicht, wenn Kinder Worte schreiben wie „Rütmuss“. Es gelang mir meistens, mich zurück zu halten. Einmal jedoch war der Fehler so scheußlich, dass ich doch mal daraufhinweisen wollte. Meine Tochter hörte mir zu, klappte dann das Heft zu und sagte: „Frau K. hat gesagt, Fehler sind zum Lernen da!“ – Welch großartige Pädagogin! Ein Lob auf ihre Gelassenheit und Weitsicht. – Denn unsere Tochter hat es trotz allem geschafft, der deutschen Sprache mächtig zu werden.

Im bester Tradition will ich diesen Eintrag formulieren. Man kann – auch bei total falschen – Hausaufgaben Dinge finden, die man loben kann: z.B. dass das Kind sich überhaupt hingesetzt hat und gearbeitet hat. Das ist doch gut. – Wie ärgerlich für das Kind, dass die Mühe nicht sichtbar wird. Oder nicht anerkannt.

Wenn Ihr Sohn von 20 Matheaufgaben nur 4 richtig hat, nehmen Sie einen Textmarker (grün oder gelb) und markieren Sie die vier und sagen völlig ernsthaft: „Hey! Vier Ausgaben sind richtig! Gestern waren es nur 3! Morgen werden es bestimmt 5! – Weiter so, mein Sohn!“  Das meine ich keineswegs ironisch. Überraschen Sie Ihr Kind mit einer positiven Rückmeldung, die eben niemanden stresst, sondern den Fokus auf die Mühe des Kindes legt. Schließlich lernt das Kind ja noch. Wenn es das schon alles könnte, müsste es ja nur noch „pro forma“ zur Schule.

Eine Erzieherin in einer Offenen Ganztagsschule hat mich mal tief beeindruckt, als Sie mir erzählte, dass es einen Jungen in ihrer Gruppe gebe, der keine fünf Minuten mit seinen Mitschülern draußen spielen könne, ohne dass es Krach gebe. Irgendwann hat sie nach drei Minuten(!) ihm zugerufen: „Du spielst heute toll!“ Der Junge schaute irritiert, spielte weiter und fragte nach weiteren drei Minuten, ob er immer noch gut spiele. Und er bekam abermals eine positive Rückmeldung: „Ja!“ An diesem ersten Tag der Intervention schaffte er es für fast 10 Minuten. „Und heute“, so schloss die kompetente Kollegin stolz, „sind wir bei dreißig Minuten!“

Das ist eine Versechsfachung (!) der Ergebnisse. Das würde – umgerechnet auf unser Mathe-Beispiel – bedeuten, dass Ihr Kind nach einigen positiven Rückmeldungen und Versuchen, 24 von 20 Aufgaben richtig rechnen würde! Das wäre doch phantastisch ..!

Ja, ich weiß, was die Skeptiker denken und sagen: Aber der muss doch lernen, weil er sonst den Anschluss verpasst. Und vor dem geistigen Auge sehen diese Eltern wie der achtjährige in der dritten Klasse die Mathe-Arbeit versemmelt. Dann kriegt der nie eine Gymnasial-Empfehlung, kommt allenfalls mit etwas Glück auf die Hauptschule, gerät spätestens in der 7. Klasse an die falschen Freunde, nimmt Drogen, schafft infolgedessen keinen Abschluss, findet keinen Job, nimmt noch härtere Drogen und verstirbt mit 37 neben einer brennenden Mülltonne unter einer Brücke an den Folgen seiner Leberzirrhose.

Nein, meine lieben Eltern. Es ist nichts passiert, wenn die Matheaufgabe nicht richtig gelöst wurde und es gibt viele Menschen, die ein sehr glückliches Leben führen, ohne je eine Uni von innen gesehen zu haben.

Natürlich bin ich auch dafür, dass Kinder einen guten Schulabschluss machen. Aber doch nicht mit neun Jahren! Die haben doch noch Zeit für die Entwicklung.

Für den ADHS-Leser:

Bei Hausaufgaben alles loben, was in Richtung selbstständiges Arbeiten geht. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut und kein Kind macht mit 9 einen Schulabschluss.

An den Hausaufgaben scheitern

Ein sehr schönes Buch von John Irving trägt den Titel: „Gottes Werk und Teufels Beitrag“. Fragt man Kinder nach des Teufels Beitrag, so sagen die sehr schnell, dass Hausaufgaben eindeutig in der Hölle erdacht wurden. Sie sind Teufelswerk. Im Lied heißt es ja, der Teufel hat den Schnaps gemacht, und ich bin mir sicher, gleich im Anschluss daran hat er die Hausaufgaben erfunden.

Ich habe ja oft an Küchentischen gesessen und Eltern dabei zugeschaut, wie sie die Hausaufgaben ihrer Kinder begleiten. Viele machen das gut, sehr liebevoll und auch richtig.  Aber ein paar Fehler machen fast alle: Sie quatschen dauernd rein. Das Kind macht gerade Mathe und Vati fragt „Was habt ihr denn in Deutsch auf?“

Sie loben zu wenig, meckern eher oder lassen den Besserwisser raushängen.

Aber das allerschlimmste ist folgendes: DAS RADIEREN!

Der Teufel hat vielleicht die Hausaufgaben gemacht, aber den Radierer hat seine Schwiegermutter erfunden! Der Radiergummi ist das perfideste Mittel, um Eltern und Kinder gleichermaßen zu quälen. Kinder in der 1. und 2. Klasse schreiben meistens noch mit Bleistift, damit sie Fehler einfacher korrigieren können. Und gerade Erst- und Zweitklässler machen viele Fehler. Da wird dann oft wie wild radiert, bis das Blatt durch ist.

Eltern nehmen häufig den Radierer zur Hand und radieren kräftig mit. Gnadenlos werden alle falschen Ergebnisse oder falsch geschriebenen Worte ausradiert. Und es folgt die liebevolle Anweisung: „Das machst Du jetzt neu und diesmal ohne Fehler!“

Das finden Eltern völlig normal, dass 20 Minuten Arbeit nochmal gemacht werden müssen. Dabei ist das die totale Frechheit. Angenommen Sie haben für ihren Partner, ihre Partnerin gekocht. Der/die probiert, kippt das Essen in den Müll und sagt:

„Schatz, das war nicht richtig. Das machst Du einfach nochmal.“

Wenn Sie dann mit der Bratpfanne zuschlagen, werden Sie von jedem Richter freigesprochen – Affekthandlung!

Oder stellen Sie sich vor, Ihr Chef würde Ihnen mitteilen, er sei mit Ihrer Arbeit vom Vormittag nicht zufrieden und Sie müssten nun nach Feierabend das korrigieren. Unentgeltlich natürlich und in Ihrer Freizeit.

Sie gingen doch zur Gewerkschaft.

Nun sind aber Erstklässler selten gewerkschaftlich organisiert und einen Betriebsrat gibt es meist auch nicht. Was bleibt also dem Kind übrig? Es bleibt nur der Ausraster, die Wut und die Verzweiflung über diese Ungerechtigkeit. Es fliegen Hefte, Bücher und Stifte. Eltern sind völlig überrascht, dass der Nachwuchs nicht freudig ausruft: „Vielen Dank, liebe Mutti, dass ich jetzt in der Wiederholung noch größere Lernerfolge erzielen kann!“ Ich frage mich, was sind das für Kinder, die so undankbar sind!?

Die Eltern drehen sich dann immer zu mir und sagen ratlos: „Sehn Se! So ist das jeden Tag hier!“

Radierer sind echt der letzte Mist in den Fingern von Eltern. Sie ruinieren beim Radieren die Beziehung. Da hat das Kind gearbeitet, sich angestrengt und – zack – sind die Ergebnisse seiner Bemühungen nicht mehr sichtbar. Wären die Kinder schlau, würden sie sich verweigern und am nächsten Morgen in der Schule ihre zwar falschen aber meist noch erkennbaren Ergebnisse vorzeigen und sagen:

„Schauen Sie, Frau Lehrerin, ich habe meine Aufgaben gemacht, aber meine Mutter hat sie ausradiert!“

Das fände ich toll! Da ruft dann die Lehrerin bei der Mutter an und sagt nicht „Ihr Sohn hat jetzt zum dritten Mal die Hausaufgaben nicht gemacht!“ Sondern: „Sie haben jetzt zum dritten Mal die Hausaufgaben ausradiert, das muss ich leider der Direktorin melden!“

 

Für den ADHS-Leser

Eltern radieren.

Aufgaben ruinieren.

Kinder protestieren.

Möbel demolieren.

Alle frustrieren.

ADHS: Ausgesprochen diskutierfreudig, humorvoll, sensibel

Neulich kam nach einem Auftritt ein freundlicher, älterer Her zu mir und sagte: „Sie erzählen viel über ADHS, aber Sie sagen nichts zu den positiven Seiten!“

Stimmt!

Das hat jetzt ein Ende!

Wir alle kennen die literarischen Figuren Michel aus Lönneberga und Tom Saywer. Wir haben gelacht über das Sams (zugegeben kein Mensch), und über den etwas exzentrischen Karlsson vom Dach. Alle diese Figuren wären ritalinpflichtig. Einer meiner persönlichen Lieblinge ist „Calvin“ von Bill Watterson, das sind großartige Comics, witzig, originell und voller Zuneigung zur kindlichen Sicht der Welt.

Wenn man mit Eltern spricht und sich von denen schildern lässt, was die Kinder gut können, dann sagen die meistens Sachen wie: „Mein Kind ist phantasievoll, kreativ, hilfsbereit, sensibel, fröhlich, neugierig und kreativ.“ Viele beschreiben, dass ihr Kind über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügt und seinen Charme spielen lassen kann – vor allem, wenn es etwas erreichen will (Stichwort: Taschengelderhöhung). Wenn die Kinder etwas älter sind, dann sagen Eltern schon mal: „Der diskutiert und diskutiert …“ das nehmen die meisten jetzt nicht unbedingt als Stärke wahr; bei Lichte besehen ist es aber eine!

Ein alleinerziehender Vater erzählte mir vor Jahren von seinem perfekten Plan für die Weihnachtsfeiertage: Er habe, um in Ruhe ausschlafen zu können und die Tage eher ungestört zu verbringen, seinem Sohn (7 Jahre) zu Weihnachten den großen LEGO-STAR-WARS-Sternenzerstörer besorgt.  Wie er fand, ein äußerst trickreiches Manöver; denn der Sohn brauche bestimmt tagelang, um dieses Teil zusammen zu kriegen. Er könne derweil in Ruhe ein Buch lesen oder kochen oder einfach nichts tun.  Im Januar berichtete er mir dann, dass der Sohn begeistert am Heiligabend ans Werk ging und – nach einer kurzen Nacht – weckte er morgens gegen neun Uhr seinen Vater, um ihm zu verkünden, das Raumschiff sei nun fertig und er müsse jetzt mal gucken kommen. Noch bevor der Vater die erste Tasse Kaffee intus hatte, stand er bereits vor einem fertig aufgebauten imperialen Sternezerstörer. Stolz ging er ins Kinderzimmer und holte das Raumschiff: „Hier! Toll, ne!? Hat er ganz alleine zusammengebaut!“ Über die Festtage hätten sie gemeinsam manche Weltraumschlacht geschlagen, aber er sei auch tatsächlich zum Lesen gekommen.

Das nennt der Fachmann Hyperfokussierung: also die Fähigkeit, sich ganz und gar einer Sache zu widmen und konzentriert etwas zu Ende zu bringen. – Sofern es denn über eine große Wichtigkeit für denjenigen verfügt. Musiker berichten manchmal davon, dass sie im „Flow“ sind und sich ganz der Musik hingeben. Sie musizieren stundenlang, ohne das Vergehen der Zeit zu bemerken. – Ein Zustand den man sich immer dann wünscht, wenn die Schwiegermutter zu Besuch kommt. Da hat man das gegenteilige Gefühl: Die Minuten werden in Hundejahren gezählt.

Gerade Eltern, die ein sehr gutes und liebevolles Verhältnis zu ihren ADHS-Kindern aufbauen können, erleben die positiven Seiten besonders stark: Die Kreativität und die Begeisterungsfähigkeit.

Im schlechtesten Falle sind Eltern frustriert darüber, dass das Kind zwar stundenlang mit Bausteinen spiele, aber erst nach 30 Minuten häuslicher Auseinandersetzung überhaupt bereit sei, sich an den Schreibtisch zu SETZEN, um anschließend (vielleicht) Hausaugaben zu machen.

An der Stelle wäre es ja nur allzu verlockend, all jene Prominente aufzuzählen, die sich zu ihrer ADHS bekannt haben, oder diejenigen, denen man sie nachsagt. Wolfgang Amadeus Mozart soll eine solche Störung gehabt haben; leider ist es unmöglich, posthum „richtige“ Diagnosen zu stellen und vielleicht deswegen musste Mozart schon für so manche psychische Störung Pate stehen! Das halte ich für gefährlichen Unfug!

Einstein ist wiederholt sitzen geblieben. Dennoch gilt: Nicht jeder zweimalige Sitzenbleiber wird Nobelpreisträger! Es nützt den Betroffenen herzlich wenig, wenn man ihnen erzählt, dieser oder jener habe ebenfalls ADHS gehabt. Auf diese Liste kommen zwar Leute wie der Olympia-Gold-Schwimmer Michael Phelps. Aber eben auch Kurt Cobain. Und man muss ja nicht jedem Vorbilder nachhängen.

Niemand wird erfolgreich, weil er ADHS hat. Und niemand bleibt erfolglos deswegen. Zu einem „erfolgreichen“ Leben zählen mehr Faktoren als die Frage, habe ich ADHS oder nicht! Der wichtigste Faktor für ein „erfolgreiches“ Leben ist es doch, sich auf seine Stärken zu konzentrieren und seine Schwächen zu kennen.

Und ich habe eine Schwäche für alle, die mit ADHS umgehen müssen, können oder dürfen!

Ursachen der Störung oder „Ach, Daher Hamm Ses!“

Über die Ursachen der ADHS gibt es bislang keine eindeutigen Befunde. Es scheint einigermaßen gesichert zu sein, dass es sich um eine Störung handelt, die sich nur über das Zusammenspiel verschiedener Faktoren erklären lässt. Das nennt der Experte dann „multifaktorielle Entstehung“. Das ist, frei übersetzt, die Beschreibung für „Wir haben keine Ahnung vorher es kommt.“

Wir müssen uns aber jetzt nur drei Dinge merken:

  • ADHS wird vererbt … nicht unbedingt im rein genetischen Sinne, aber dreiviertel der Kinder mit ADHS hat Eltern, die als Kind unter den gleichen Symptomen litten. – Wir erinnern uns noch daran, dass Jungs zu Mädchen im Verhältnis stehen etwa 3:1 oder 4:1. Das heißt umgekehrt, dass die Wahrscheinlichkeit, es von der Mutter geerbt zu haben mindestens um den Faktor 3 kleiner ist!
  • Sozioökonomische und familiäre Faktoren: Also die Frage danach, in welche Familie wird das Kind hineingeboren und wie geht es dieser Familie. Dabei ist das Verhalten während der Schwangerschaft sehr wichtig: Wenn die Mutti raucht oder säuft, schadet das dem werdenden Leben, Umweltgifte kommen als Risiko dazu, aber auch Stress während der Schwangerschaft, und damit ist eben nicht gemeint, dass man als Frau nach der Fußpflege noch schnell mit der Freundin schoppen muss, sondern echter Stress: Die Wohnung zu klein, das Geld zu knapp oder der Gatte zu klein, der Gatte zu knapp.

Obendrauf kommt noch ein geringes Geburtsgewicht, durch Mangelernährung der Mutter. Und eine ganze Reihe möglicher Komplikationen: geringer sozioökonomischer Status, alleinerziehende Elternteile, Patch-work Familien, schlechte Schulbildung der Eltern und psychische Erkrankungen der Eltern sind wiederum Risikofaktoren, die – ganz allgemein – zu einer psychischen Schädigung des Kindes führen können.

Und ganz im Ernst: Das ist kein individuelles Problem, das ist ein gesellschaftliches Problem, das wir gemeinsam lösen müssen und von dem wir nicht sagen können: Tja, Gnädigste, da haben Sie eben Pech gehabt!

Wer eine schlechtere Schulbildung hat, bekommt einen schlechteren Job und verdient weniger Geld. Das wirkt sich eben negativ auf aus den stressanfälligen Nachwuchs. – Es steigt das Risiko, wenn man an den drei entscheidenden Stellen nicht aufpasst: in der Schule, bei der Berufswahl und beim Aussuchen des Partners.

Bleiben wir noch etwas beim Verkehr: Das sind eben Züge, die abgefahren sind, daran können Sie nichts mehr ändern. Selber schuld: Sie haben sich den Typen ausgesucht (Gene und Vererbung!) und sie haben es in der Schwangerschaft gemeinsam verbockt (Stress, Drogen, Alkohol, etc.).

Beide ICEs sind abgefahren, aber Erziehungsverhalten – als dritte Variable – ist die S-Bahn, die alle halbe Stunde fährt. Und die kann man eben täglich verändern oder sich bemühen, es zu verändern.

Wissenschaftler (Esser u.a., 2007) haben immer wieder Mütter und ihre Kinder beobachtet und festgestellt, dass in den ersten Wochen nach der Geburt, das Verhalten von Müttern nicht als Indikator für später auftretende  psychische Störungen zweifelsfrei identifiziert werden kann. Das bedeutet, dass die Mütter mit ihren späteren ADHS-Patienten-Kindern genauso umgehen, wie alle anderen Mütter auch. Nicht besser, nicht schlechter!

Aber im Alter von zwei Jahren haben die Mütter und  ihre Kinder bereits ein solch anderes Verhalten mit einander entwickelt, dass man mit einer hohen Wahrscheinlichkeit voraussagen kann, ob das Kind später eine ADHS haben wird oder nicht. Wobei keiner sagen kann, was dabei Henne und Ei ist. Wer die Glucke ist, ist klar, aber was diese veränderte Interaktion ausmacht, ist unklar: ist es das andere Verhalten des Kindes oder verhält sich die Mutter anders.

Die logischste Erklärung ist, dass beide mit einander ein für beide Seiten abträgliches Verhaltensmuster „erfunden“ haben, aus dem beide keinen Ausweg finden.

 

Für den ADHS-Leser: Keiner weiß genau, woher es kommt. (Der Fachmann sagt: multifaktoriell). Ungünstig sind materielle Not, Stress der Eltern und ungünstiges Erziehungsverhalten.

 

Für alle, die mehr wissen wollen:

Banerjee, T.D., Middleton, F. und Faraone S.V. (2007): “Environmental risk factors for attention-deficit hyperactivity disorder” in Acta Paediatrica, Seite 1269-74

Esser, G., Fischer, S., Wyschkon, A. u.a. (2007): „Vorboten hyperkinetischer Störungen – Früherkennung im Kleinkindalter“ in Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Vol. 35 (2), Seite 127-136

Faraone S.V., Perlis R.H., Doyle A.E.,Smoller, u.a. (2005): “Molecular genetics of attention deficit hyperactivity disorder” in Biological Psychiatry, Seite 1313-1323

Spencer, T.J., Biederman, J. und Mick, E (2007): “Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: Diagnosis, Lifespan, Comorbidities, and Neurobiology“ in Journal of Pediatric Psychology, Seite 631-642