ADHS: Auch dennoch Hoffnung schenken

Wenn man derzeit die Nachrichten anschaut – und ich kann nur allen abraten, das zu tun – dann bekommt man schnell das nackte Grauen. Nach einer Pandemie, einer Sintflut im Juli 2021, einem fortschreitenden Klimawandel ist nun auch noch Krieg in Europa.

Ich hoffe, dass rasch wieder Friede und Freiheit herrschen in Europa, weil diese irrsinnigen Kampfhandlungen gestoppt werden und sich Ukrainer und Russen als gute Nachbarn verständigen können.

Allen, die um ihre Familien oder Angehörigen – egal auf welcher Seite der Grenze sie stehen mögen – bangen und hoffen, wünsche ich viel Kraft und eine baldige Umarmung mit den Menschen, die gerade jetzt in Gefahr sind.

ADHS: Alte Denkstrukturen heilen selbstständig? oder viel Lärm um Nichts

Der Hype mit dem Neurofeedback …

Als Therapeut und Trainer geht man ja mal raus und hört sich an, was kluge Menschen zu sagen haben. Das ist manchmal ein Gewinn. Manchmal ein Genuss. Und manchmal ist es nichts davon.

Zu dieser merkwürdigen Kombination kam es vor ein paar Tagen als ich bei einem wissenschaftlichen Vortrag zum Thema Neurofeedback ging. Da berichtete eine (habilitierte!) Wissenschaftlerin von ihrer Studie.

Neurofeedback ist eine EEG basierte Methode und verspricht gute Erfolge im klinischen Bereich. Die Effektstärke liegt mit 0,6 im mittleren Bereich (Gevensleben et al., 2010). Eltern und Lehrer berichten von einer Besserung der Symptome (Strehl et al., 2004).

Blöderweise wird es als Allheilmittel angepriesen. Die Ergebnisse sind allerdings nicht so eindeutig, wie man das gerne in vielen Tages-Zeitungen lesen oder im Fernsehen sehen kann. In Zeitung und TV werden immer die Fälle gezeigt, in denen die Methode unzweifelhaft durchschlagenden Erfolg hat. Die Kinder sind geheilt anschließend. „Oh, lasst uns knien, das Wunder zu preisen.“

In der Wirklichkeit sieht das häufig ganz anders aus. Wenn man die Ergebnisse der Wissenschaft zusammenfassen wollte, müsste man sagen: Es kann wirken, oder auch nicht … und wir können nicht sagen, ob und warum es wirkt (Sonuga-Barke, 2013). Seien Sie also vorsichtig damit, die Erfolgsquoten werden gerne übertrieben. Mir erzählte vor kurzem ein Kinder-Psychiater in eigener Praxis, er biete zwar auch Neurofeedback an, glaube aber nicht an irgendeinen Erfolg. Lediglich die Eltern fragten ständig danach – also macht er das auch, bevor ihm die Kundschaft laufen geht.

Mich stört hin und wieder die Aura der Heilserwartung, die die Befürworter des Neurofeedbacks herum tragen. Sehr geschickt umschreiben Sie ihre „bahnbrechenden“ Erfolge, bis auch der letzte im Publikum den Hinweis auf „Heilung“ von ADHS begriffen hat. Sie selber nehmen aus gutem Grunde den Begriff der Heilung nicht in den Mund.

Ein lieber Kollege aus einer großen Klinik sagte: „Das ist ein Prima Plazebo. Für die Eltern!“

Für mich war der Abend dann doch noch ein voller Erfolg. Ich war beruhigt. Neurofeedback würde mich als Elterntrainer nicht arbeitslos machen.

Übrigens Neurofeedback funktioniert super bei Kindern, die auch Stimulanzien nehmen, hochmotiviert sind und fleißig zu Hause üben. Also genau jene Kinder von denen man denkt, die brauchen es nicht.

Für den ADHS-Leser:

Neurofeedback funktioniert bei hochmotivierten Menschen, die eher eine „milde“ Form von ADHS haben. Ansonsten … eher nicht.

Für alle, die mehr wissen wollen

Sandra K. Loo und Russel A. Barkley: “Clinical utility of EEG in attention deficit hyperactivity disorder” in Applied neuropsychology, 2005, Seite 64-76

Gevensleben, H., Moll, G.H., Heinrich, H. (2010): „Neurofeedback-Training bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) – Effekte auf Verhaltens- und neurophysiologischer Ebene“ in Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Vol. 38 (6), Seite 409-420

Edmund J.S. Sonuga-Barke, u.a. (2013): “Nonpharmacological interventions for ADHD : systematic review and meta-analyses of randomized controlled trials of dietary and psychological treatments” in The American Journal of Psychiatry, Vol. 170,Seite 275-89.

Strehl, U., Leins, U., Danzer, N., Hinterberger, T. und Schlottke, P.F. (2004): „EEG-Feedback für Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“ in Kindheit und Entwicklung, Vol. 13 (3), Seite 180-189

Wer schläft, der sündigt nicht, aber vielleicht lernt er ja Vokabeln?

Jetzt ist es endlich bestätigt: Man kann im Schlaf lernen. – Allerdings muss ich sagen, dass ich das bereits vor vielen Jahren im Englisch-Unterricht immer schon vermutet habe.

Und ist nicht dieses geheime Wissen schon seit Einführung der Schulpflicht in der Weimarer Republik hinlänglich belegt: „Alles schläft und einer spricht – das nennt sich Unterricht.“

Auf jeden Fall haben jetzt Schweizer Psychologen im Experiment den Beweis anstellen können, dass selbst der schlafende Mensch etwas lernen kann.  Früher musste man ja immer wach sein, um sich etwas Neues auf die Festplatte zu schaffen. Jetzt endlich ist Schluss damit.

Ich sehe schon, wie sich angehende internationale Kaufleute über Nacht Mandarin „draufschaffen“, die Spieler des 1. FC Köln erlernen neue Spielzüge erlernen und Pietro Lombardi lernt richtiges Deutsch! Toll!

Als Student hatte ich eine ähnliche Idee, die leider nicht verfing: Ich hatte die Hoffnung, dass mir die bloße Anschaffung dicker Fachbüchern das Lesen ebendieser ersparen würde. – Ich habe es sehr oft probiert, geklappt hat es bei keinem!

Die Psychologen haben nun den 41 Probanden – während diese schliefen – über Kopfhörer Fantasievokabeln vorgespielt. Also erfundene Worte ohne Bedeutung. So schöne Worte wie „Guga“ oder „Covfefe“. Diesen wurden dann Bedeutungen zugordnet (z.B. Elefant). Anschließend sollten die Probanden im Wachzustand entscheiden, ob das zuvor gehörte Wort einen Gegenstand bezeichnet der größer oder kleiner ist als ein Schuhkarton. 60% der Antworten waren richtig!

Ein Wahnsinn des Lernerfolges!! 60%. Das ist dreimal die SPD!!! Und: Das ist mehr als wenn man einfach irgendwas ankreuzen würde – dann wäre die Wahrscheinlichkeit richtig zu antworten nur bei 50%.

Und mir fällt da schon wieder mein Englisch-Unterricht ein. Wenn man beim Vokabel-Test eher gefühltes Wissen präsentierte und auf gut Glück übersetzte, war das meist lediglich zu 60% richtig.

Vielleicht haben die Selbstoptimierer und Perfektionisten bereits neue Kopfhörer bestellt, aber so richtig erfolgreich ist das „im Schlaf“ lernen nun doch nicht. Und ich gebe zu bedenken, dass die Nacht zwar nicht allein zum Schlafen da ist, aber der Schlaf eben kein notwendiges Übel darstellt, sondern unserem Gehirn die Möglichkeit gibt, Erlebtes, Erlerntes und Unnötiges zu ordnen und zu verarbeiten. D.h. unser Gehirn arbeitet bereits im Schlaf! Nur wir schlafen eben und kriegen davon nichts mit! Und wir glauben nun, dass wir unserem armen Hirn noch zusätzliche Arbeit machen sollten? – Das ist dann wie beim Multitasking. So richtig klappt es nur selten! Oder haben Sie bereits schon mal das Gewürzregal sortiert und gleichzeitig ein Buch gelesen? Eben!

Wer mehr wissen will:

A. Züst, S. Ruch, R. Wiest und K. Henke (2018): Implicit Vocabulary Learning during Sleep Is Bound to Slow-Wave Peaks. Current Biology, Vol. 29, Issue 4

ADHS: Als das Hirn stockte oder haben alle Top-Modells ein Hirn wie Heidi Klum?

Unser Gehirn ist ohne jede Frage das großartigste und komplexeste Gebilde, was die Evolution hervorgebracht hat. Es besteht u.a. aus 100 Milliarden Neuronen und jedes Neuron hat bis zu 10.000 Synapsen. Phantastisch! Und unser Gehirn ist in der Lage, so manchen Schlag zu verkraften. Es kann bis ins hohe Alter hinein lernen – es dauert vielleicht länger als in jungen Jahren, aber es ist machbar. Über das Machbare unserer Gehirns habe ich eine schöne Geschichte in der Zeitung gelesen: Vor ein paar Jahren wurde der Fall eines Franzosen bekannt, in dessen Kopf nur etwa die Hälfte der üblichen Hirnmasse zu finden war. Der Mann ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Er übt einen Beruf aus. Nun raten Sie mal wo!? Er ist Beamter in einer Steuerbehörde. (Ich finde, das sagt doch alles!)

Nun ist das Gehirn von ADHS-Patienten seit einigen Jahren das Lieblingsforschungsgebiet mancher Neurologen. Und mit den neuen, sogenannten „Bildgebenden Verfahren“ kann man im Gehirn jetzt noch schöner gucken, was man sowieso sehen könnte, wenn man das Verhalten der Patienten nur lange genug beobachten würde. Unzweifelhaft weist das Hirn von Menschen mit ADHS spezifische Veränderungen auf. Bereits 1996 konnten Wissenschaftler offenkundige Veränderungen im Gehirn von ADHS Patienten nachweisen können – so z.B. 4,7% weniger Volumen (Castellanos u.a., 1996).

Da sagen jetzt einige, wissen wir schon, das Gehirn ist ja bei Frauen leichter. Also: Problem geklärt. Nein, das sind nicht die Prozente, die fehlen. Die Großhirnrinde ist dünner. Aber hier sei gewarnt: Dünner heißt nicht dümmer. Hier geht es ja nicht um Germany´s Next Top Model.

Das weniger ist im Kortex zu finden: also in der Rinde, genauer gesagt in der Großhirnrinde – das ist der Teil im Hirn, der für all die schönen höheren Funktionen zuständig ist (Bücher lesen, Bücher schreiben, Steuererklärung machen, etc.). Die Rinde macht ungefähr die Hälfte unseres Großhirns aus. Die Evolution hat da ein kleines Wunder vollbracht: Je mehr Oberfläche unser Hirn hat, desto „schlauer“ werden wir als Spezies Mensch. Jetzt nicht jeder einzelne von uns, freuen Sie sich nicht zu früh. Es wäre natürlich einfacher gewesen, wir hätten alle Köpfe groß wie Wassermelonen, aber dann wären wir ausgestorben, denn versuchen Sie mal eine kleine Wassermelone durch Ihr Becken zu kriegen. Geht nicht. Gibt´s! (Ich bin mir sicher, es wird etwas dauern, bis Sie das Bild von dem Becken und der Melone wieder losgeworden sind …!)

Also musste was her, dass den Platzmangel wett macht: Falten! Einfaches Prinzip: Man kann problemlos ein Geschirrhandtuch in ein kleines Weinglas stecken, wenn man es einfach irgendwie reindrückt. So ähnlich ist es mit dem Hirn im Kopf. Wenn der Schädel nicht wachsen kann, muss die Evolution eben erfinderisch werden. Ähnliches können Sie auch zu Hause nach empfinden: Schauen Sie in den Kleiderschrank Ihrer Tochter: Alles reingeknuddelt. Geht problemlos das Doppelte rein, als wenn es sauber gefaltet auf- und nebeneinander läge. Also nicht mehr meckern, weil es so unordentlich ist: Freuen Sie sich – das ist ein evolutionärer Prozess, der da stattfindet.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist eine Erkenntnis einer spanisch-amerikanischen Forscher Gruppe (Proal u.a., 2011): Die haben ehemalige ADHS Patienten in die Röhre gesteckt und mit „normalen“ Leuten verglichen. Ergebnis: Zwischen den beiden gab es auffällige Unterschiede. Erstaunlich jedoch war es, dass jene Patienten, die früher unter Symptomen litten und nun keine Symptome mehr zeigten, ein nachträgliches Hirnwachstum aufwiesen, die haben das erfolgreich den Mangel kompensiert. Das Hirn hatte es also geschafft, das Defizit wenn auch nicht auszugleichen so doch wenigstens aufzufangen. Anders ausgedrückt: Das Hirn ist ein Haus und ADHS ist der Dachschaden darin; und jene, die keine Symptome mehr hatten, konnten in den Dachschaden eine Gaube einbauen. – Wieso und warum, konnten die Forscher nicht sagen. Wenn Sie das rausfinden, gibt´s nen Nobelpreis – versprochen!

Übrigens ist das Gehirn von Frauen in der Regel leichter, aber eben mehr gefaltet. – Das ist einer der wenigen Momente, in denen sich Frauen – auch Heidi Klum – über Falten freuen können!

Für den ADHS-Leser:

Einen evolutionären Geniestreich stellt unser Gehirn dar. Bei ADHSlern gibt es allerdings fast 5% weniger Volumen im Großhirn. Dass das Gehirn von ADHSlern ist eben ɐnders ist, bedeutet nicht, es ist weniger tauglich zum Denken!

Castellanos, F.X. u.a. (1996): “Quantitative Brain Magnetic Resonance Imaging in Attention-Deficit Hyperactivity Disorder“ in Archives of General Psychiatry, Vol. 53(7), Seite 607-616

Proal, E. u.a. (2011): “Brain Gray Matter Deficits at 33-Year Follow-up in Adults With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Established in Childhood” in Archives of General Psychiatry, Vol. 68 (11), Seite 1122-1134

Ab jetzt wird´s leichter …

Die Süddeutsche Zeitung schrieb am Freitag (15. Juni 2018), dass es in Zukunft leichter sein soll, ADHS-geschädigten Kindern Methylphenidat (besser bekannt als Ritalin, Equasym, Medikinet, etc.). Und man fragt sich reflexartig: „Wie? NOCH leichter!?“

Als ob es bis jetzt schwer gewesen wäre, an das Zeug heran zukommen … Auf deutschen Schulhöfen wird da gerne mal für 20 Euro auch der Nicht-ADHSler versorgt. Gerade in Zeiten entscheidender Klausuren (Abitur, 10er Abschluss), können sich Schüler etwas dopen für die Prüfung.

Es gibt immer ein paar kleinere Geschwister, die es nehmen müssen … und ob da jetzt mal eine Pille runterfällt oder verkauft wird, das merkt ja keiner.

Streng genommen unterliegt Methylphenidat dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG), d.h. der Arzt muss es verschreiben und auch kontrollieren, wie lange der Patient mit der verschriebenen Menge auskommt. Damit eben kein Schindluder getrieben wird.

Mir hat noch kein Elternteil erzählt, dass sich der behandelnde Facharzt weigerte, ein Rezept für Ritalin (oder so) auszustellen. Die meisten Eltern wollen ja gar kein Medikament für ihr Kind. Das liegt oft genug an der gesellschaftlichen Ächtung („Stellst Du etwa Dein Kind ruhig mit Pillen!?“) und dem ganzen Blödsinn, den man über die Medikamente lesen kann („Macht abhängig“ oder schrecklichste Nebenwirkungen wie Depression oder Suizidgedanken). Klar hat Methylphenidat Nebenwirkungen, aber welche Wirkung hat eine unterlassene Therapie?

Statt sich also über Medikamente zu ereifern, sollten wir lieber fordern, was eigentlich seit fast zehn Jahren Standard sein sollte: Die psychoedukative Begleitung der Familien, ggfs. Elterntraining und Verhaltenstherapie. Erst wenn diese Maßnahmen keinen oder zu geringen Erfolg haben, sollten wir zur Medikamentierung übergehen.

Leider ist bei uns in Deutschland die Diskussion pro oder contra fast nicht mehr sachlich zu führen. Das liegt sicherlich daran, dass deutlich zu viel verschrieben wird und auch zu oft zu lange. Das bedeutet aber nicht, dass es betroffenen Kindern deshalb nicht helfen kann.

Für eine bessere Versorgung bedarf es vor allem dreierlei: Information für die Eltern, Entkrampfung der Debatte und eine gute Kooperation von Behandlern, der Jugendhilfe und der Schulen.

Betroffene Eltern sollten wissen, dass sie ein Recht auf Unterstützung haben; sie können sich an das örtliche Jugendamt wenden und sich informieren, welcher Jugendhilfeträger ein Eltern-Training anbietet. – Im Zweifel muss das Jugendamt das Training auch bezahlen. Das braucht vielleicht etwas Überzeugungskraft, aber die Mühe wird sich lohnen!

Und bitte jetzt nicht anrufen oder anmailen, weil ich Ritalin NICHT für ein Teufelszeug halte.

 

Für die ADHSler:

Es wird leichter an guten Stoff zu kommen! Mühsamer ist der Weg ohne Pillen.

 

Für alle, die es genauer wissen wollen:

Storebø, O., Ramstad, E., Krogh, H., Nilausen, T., Skoog, M., und andere (2015): “Benefits and harms of methylphenidate for children and adolescents with attention deficit hyperactivity disorder (ADHD)”

Der nächste Auftritt

Kaum ist der Karnval rum, schon wird es wieder lustig!

Am 15. März spiele ich in Euskirchen mein ADHS-Kabarett-Programm.

Der Vorverkauf läuft – Sie müssen sich also beeilen, um ihn noch einzuholen!

Wir sehen uns in Euskirchen.

Ein kleiner Vorgeschmack und ein Link:

https://bildung.erzbistum-koeln.de/fbs-euskirchen/veranstaltungssuche/Veranstaltungssuche-00011/

ADHS: Aus dem Hause STATEMENT oder Die Modeerscheinung ADHS

Manchmal wenn ich über ADHS gesprochen habe – sei es nun in Form von Vortrag oder Kabarett – kommen anschließend Leute zu mir und sagen: „Sagen Sie mal: ADHS ist doch eine Modeerscheinung, nicht wahr!?“ Das ist natürlich keine Frage, das ist ein Statement. Ich weiß dann nie, was ich sagen soll und ich grübele seit Langem darüber, was die Leute genau meinen mit dem Wort „Modeerscheinung“.

Ist es mir bisher entgangen, dass es eine Verbindung von psychischen Störungen und der Mode gibt? Gewiss, mancher Modemacher hat schwer einen an der Waffel, aber deswegen ist er ja nicht gleich krank im Kopf. Haben Therapie-Szene und Mode-Branche mehr gemeinsam, als mir bewusst ist? Vielleicht gibt es ja doch Störungs-Moden in der Psychiatrie. Kommt daher der Begriff „Nervenkostüm“?

Die Modewelt trifft sich regelmäßig in Mailand oder Paris und vielleicht treffen sich Psychologen und Psychiater in den Metropolen der Psycho-Mode – wie z.B. Landau oder Bad Orb – und sie beraten im Geheimen über die neuesten Trends? Also eine Art Prêt-à-porter für die Therapeuten. Und während essgestörte Modells – zu dürr oder zu dick, je nach Störung – auf dem schmalen Catwalk zwischen Genie und Wahnsinn gewagte und ausgefallene Symptome  präsentieren, sagt der Moderator: „Also Burn-out ist out, dieses Jahr trägt der Gestörte von Welt wieder Psychose.“

Was in diesem Falle auf jeden Fall verneint werden muss, denn ganz andere Störungen sind im Moment „en vogue“: Unter dem modischen Gesichtspunkt ist Donald Trump eben kein übler Narzisst mehr, sondern ein psychiatrischer Trendsetter. Bald folgen wir seinem Beispiel und rufen: „Schaut her, ich bin so geil. So geil war vorher noch keiner!“ – Ohne dass wir den Anflug einer Leistung zeigen müssten. Wir würden dann zum Beispiel nicht mehr selber kochen und unser Essen genießen. Nein! Wir würden es fotografieren und der ganzen Welt davon berichten, ob es denen gefällt oder nicht. Wobei ja keiner mehr Zeit haben wird, denn man muss ja noch rasch ein Nabel-Schau-Selfie machen. Wussten Sie übrigens, dass echte Narzissten niemanden leiden können, nicht mal sich selber!?

Angenommen die Parallelen von Psycho-Szene und Modewelt sind vorhanden, dann wären die komorbid gestörten, also die mit zwei oder mehr Diagnosen, die Schillernden, quasi die Harald Glööcklers der Psycho-Szene. (Wobei mir bei Glööcker immer die letzten Worte von Oscar Wilde in den Sinn kommen: „Entweder geht diese scheußliche Tapete oder ich!“).

Wäre es denkbar, eine Sendung wie Shopping-Queen zum Thema ADHS zu machen, in der Guido Maria Kretschmer die Kandidatinnen auffordert: „Style Dich im angesagten Zappel-Look und trage unterschiedliche Socken und Muster!“ und im rosaroten Bus bekommen die Teilnehmerinnen dann 500 Euro, vier Stunden Zeit und eine Ritalin-Tablette? Und wäre es nicht angezeigt, dass zum Nachteilsausgleich die verträumten ADSler, weil sie für alles länger brauchen, eine Stunde mehr Zeit bekommen?

Und die großen Psychose-Mode-Häuser präsentieren auch Düfte, die dann folgender Maßen beworben werden: Ein junger, adretter Asperger-Patient blickt in die Kamera und sagt: „Ich benutze das neue IGNORANT von Boss!“

Aber all dies bringt uns nicht weiter, bei der Beantwortung der Eingangsfrage. Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob ADHS eine Modeerscheinung ist, ich weiß nur, dass das seit 150 Jahren behauptet wird!

ADHS: Angetraute, Denkvermögen, Hochbegabte, Senioren oder was wird aus den ADHS-Kindern, wenn sie groß werden?

Dass Eltern unter ADHS leiden, habe ich ja schon ausführlich beschrieben – sie leiden eben unter dem ADHS ihrer Kinder. Aber Erwachsene können sehr wohl noch Symptome zeigen. ADHS ist keine Störung, die sich mit dem Einsetzen der Pubertät von alleine erledigt. Das tut sie eben nur bei etwa der Hälfte der betroffenen Kinder. Die anderen 50% behalten die Symptome. Oder wenigstens viele der Symptome. Die Hyperaktivität und die Impulsivität nehmen meistens ab.

Viele der ADHS-geplagten Eltern hatten selber eine ADHS-Problematik als Kind oder haben einen Partner gewählt, der eine solche Problematik hatte. Daher mein Rat an die Frauen auf Partnersuche: Lassen Sie sich von der Schwiegermutter doch mal Kinderfotos zeigen und seien sie sehr neugierig, wenn es um „alte Geschichten“ geht. Der Partner wird das nicht gerne sehen und hören, aber mit den gehörten Geschichten können Sie immer noch entscheiden, ob es eine gute Idee ist, mit einem vermeintlichen Ex-ADHSler Kinder zu zeugen. Vielleicht doch lieber ein Kind adoptieren, wenn die Geschichten aus der Kindheit des zukünftigen Gatten zu wild klingen. Wenn der Rat für Sie jetzt zu spät kommt … kurz Luft holen und weiterlesen. So schlimm ist das alles gar nicht! Aus Ihren Kindern können doch noch ganz manierliche Leute werden, immerhin haben Sie sich ja mal in den Vater verliebt. Irgendwas macht der ja richtig im Leben!

Es überrascht etwas, dass die Erwachsenen erst so spät in den Fokus der ADHS-Forscher geraten sind. Erst Anfang des 21. Jahrhunderts stieg die Zahl der wissenschaftlichen Arbeit deutlich an (Retz-Junginger et al., 2002).

Erwachsene mit ADHS haben meist mehr Jahre in der Schule verbracht als ihre Klassenkameraden. Jedoch hält sich ihr „Gewinn“ in Grenzen, sie machen häufig schlechtere Abschlüsse, obwohl vom reinen IQ-Wert sie durchaus mithalten könnten. – Da ist eine deutliche Parallele zur Deutschen Bahn: Man zahlt ein Ticket für eine Fahrt von, sagen wir, zwei Stunde, bekommt dann jedoch deutlich mehr Fahrtzeit geschenkt von der Bahn! Und nicht selten darf man dann statt in Köln Hauptbahnhof bereits in Deutz den Zug verlassen – wegen „dringend notwendiger Gleisarbeiten“. Vielleicht hat die Deutsche Bahn einfach ADHS?

Nach dem mieseren Schulabschluss bekommen ADHSler häufig schlechter bezahlte Jobs – und das obwohl es mehrheitlich Männer sind. Ja, nicht nur Frauen werden für die gleiche Arbeit schlechter entlohnt.

Kinder mit ADHS suchen sich gerne genau jene Ausschnitte der Wirklichkeit aus, in denen sie Erfolge einfahren können. Das überrascht nicht wirklich, das machen wir alle so. Wer besonders schön singen kann, sollte nicht zum Finanzamt gehen und wer umgekehrt gut mit Zahlen umgehen kann, wird vielleicht niemanden begeistern, wenn er öffentlich singt. (Ausnahmen sind denkbar, aber Sie verstehen meinen Punkt.) Einige Erwachsene mit ADHS sind im „Nischen-Surfen“ so erfolgreich, dass ihre ADHS sozusagen keine Rolle in ihrem Leben spielt, weil sie in dem Ausschnitt der Wirklichkeit, in dem sie gut sind, so gut sind, dass das Fehlen anderer Fähigkeiten nicht weiter ins Gewicht fällt. Wer würde einem erfolgreichen Kreativ-Direktor vorwerfen, dass er zwar vor Ideen nur so sprüht, aber grundsätzlich alle Belege für die Steuer verbummelt. Eben. Der Kreativ-Direktor hat eine kluge Assistentin (die er hoffentlich gut bezahlt!), und die sammelt dann für ihn die Belege.

Oder falls es mies gelaufen ist, sitzt der ADHSler doch beim Finanzamt, kann aber seinen Bewegungsdrang bei der regelmäßigen Teilnahme an irgendwelchen Triathlon-Veranstaltungen kompensieren.

Es gibt eine Zeitspanne, in der es sich lohnt ADHS zu haben: zwischen 15 und 25; denn ADHSler haben nicht nur früher den ersten Sex ihres Lebens, sondern sie haben deutlich mehr Sexualpartner als andere. (Davon träumen viele Studenten.) Leider eben auch mehr Geschlechtskrankheiten. Und später haben sie größere Probleme, eine längerfristige Beziehung zu haben. (Davon träumen viele Ehemänner mit steigernder Ehedauer.)

Erwachsene mit ADHS tun sich sehr schwer, Ziele zu erreichen, die sie sich selber gesteckt haben – dies gelingt mit therapeutischer Intervention besser (Lauth et al., 2010).

Was bei allem Witz tatsächlich tragisch ist, dass wir als Gesellschaft uns erlauben, das Potential, das diese Menschen mitbringen (Kreativität, Gerechtigkeitssinn, Empathie und Hilfsbereitschaft) leichtfertig zu ignorieren und uns häufig zu wenig bemühen in Schule und Ausbildung dafür zu sorgen, dass die Ressourcen zum Einsatz kommen und weniger die Defizite aufmerksam verfolgt und „ausgemerzt“ werden sollen.

Und liebe Eltern, wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter, zwar künstlerisch begabt ist, aber in der Schule nicht wirklich Erfolge feiern kann, tun Sie uns alle einen Gefallen, stellen Sie das Kind lieber auf eine Bühne als im Steuerbüro vor.

 


Für alle, die mehr wissen wollen:

Barkley, R.A., Fischer, M., Smallish, L und Fletcher, K. (2006) “Young Adult Outcome of Hyperactive Children: Adaptive Functioning in Major Life Activities” in Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Seite 192-202

Lauth, G.W., Breuer, J. und Minsel, W.R. (2010): „Goal Attainment Scaling in der Ermittlung der Behandlungswirksamkeit bei der behavioralen Therapie von Erwachsenen mit ADHS“ in Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Seite 45-53

Retz-Junginger, P., Retz, W., Blocher, D., Weijers, H.G., Trott, G.E., Wenders, P.H und Rösler, M. (2002): „Wender Utha Rating Scale (WURS-k)“ in Der Nervenarzt, Seite 830-838

Schmidt, S. und Petermann, F. (2008): „Entwicklungspathologie der ADHS“ in Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie,  Seite 265-274

Inklusion – auch das noch!!!

Nein, ich habe den Film nicht gesehen und ja, es kann gut sein, dass ich ihn auch nie sehen werde. In meiner Freizeit schaue ich lieber Unterhaltungskino als schwergängige Dokumentationen, die von Problemen handeln, mit denen ich mich von Berufswegen befasse.

Aber da ich in den letzten Tagen immer wieder darauf angesprochen wurde, hier nun (m)ein „letztes“ Wort dazu:

Inklusion bedeutet das gleichberechtigte Miteinander von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, Geschlecht, Bildungsgrad, (Nicht-) Behinderung etc. Steht quasi so im Grundgesetz: Die Würde des Menschen in unantastbar.

Gerne wird Inklusion auf Schule beschränkt gesehen, weil da so schön augenfällig wird, was alles nicht klappt. Aber fragen Sie mal einen blinden Menschen, wie es mit der Barrierefreiheit in Deutschland bestellt ist. Oder wie oft laufen Omas mit Rollatoren auf der Straße, weil die Bürgersteige nicht abgeflacht sind und sie daher gar nicht erst raufkommen – von Rollstuhlfahrern möchte ich gar nicht reden.

Dass Inklusion in der Schule noch nicht zu 100% klappt, fällt jedem auf, der eine Schule von innen gesehen hat. Ja, es ist noch viel zu tun. Ja, es gibt Reibungsverluste. Ja, es könnte sogar sein, dass sie gelegentlich Schaden anrichtet.

Aber es ist ein Witz im Vergleich zu den Schäden, die wir den Kindern antun, wenn wir sie wohlmeinend in ein „Behinderten-Ghetto“ stecken, wo sie behütet aufwachsen können. „Behütet“ ist dann jenes Argument, das wir einem Feigenblatt gleich vor unser schlechtes Gewissen kleben, weil wir eigentlich nicht mit Behinderten, Kranken und Schwachen zusammenleben wollen. Denn die erinnern uns immer so fies daran, dass wir alle eines Tages Pflege und Hilfe benötigen werden. Also mal schön wegsperren, dann stören die nicht mehr so.

Viele Lehrer stoßen in das gleiche Horn, weil sie sich dieser Herausforderung nicht gewachsen oder dafür nicht angemessen ausgebildet fühlen. Sonderpädagogen fürchten, ihre „kuscheligen“ Sonderschulen verlassen zu müssen und in sogenannten Regel-Schulen unterzugehen. Dies alles sind berechtigte Sorgen, die gut nachvollziehbar sind.

Eltern von Kindern mit „außerordentlichem Förderbedarf“ haben Angst, dass ihr Kind nicht ausreichend gefördert wird. – Allerdings ist diese Furcht nichts im Vergleich zu der Panik, die Eltern zeigen, wenn sie hören, dass in der Klasse ihres Kindes auf einmal „Behinderte“ sind. Oh Gott!! Die Vorstellung, dass das eigene hochbegabte Kind nicht genug Gehirn-Futter bekommt, um der Nobelpreisträger zu werden, den man gerne zu Hause hätten, raubt Millionen Eltern den Schlaf. Da werden sogar Info-Abende abgehalten, um zu verhindern, dass Inklusion ausgerechnet in dieser Klasse stattfinden muss.

Und beide Seiten klagen unisono, dass Schule unfähig sei, „mein Kind richtig zu fördern“, was nach einem Pauschalurteil gegenüber Lehrern klingt.

Dabei vergessen viele, dass die meisten Schulen bereits seit Jahrzehnten Inklusion betreiben: Wir alle erinnern uns an den einen oder anderen Mitschüler, der eher merkwürdig war oder den Klassenclown gab. Heute wären das wohlmöglich „Inklusionskinder“.

Ich glaube, die Debatte um schulische Inklusion ist eine einzige Luftnummer. „Behinderung“ in all ihren Formen gehört zu unserem Leben dazu – wie Geburt und Tod. Und Inklusion ist ein Menschenrecht und kein Gnadenakt der Nichtbehinderten.

Es gibt im Leben mehr zu lernen als Algebra und französische Grammatik. – Nach der schweren Messer-Attacke auf die Kölner Oberbürgermeisterin musste sich Frau Henriette Reker auch wieder „ins Leben zurückkämpfen“ und in einem sehr persönlichen Statement hat sie sich bei einem Kölner Psychologen bedankt, den sie seit vielen Jahren kannte und der aufgrund eines Unfalls querschnittsgelähmt ist: „Ich musste an Sie denken und das gab mir Kraft, das auch zu schaffen.“

Allen Sorgen von Eltern zum Trotz, sind es gerade die behinderten und nichtbehinderten Kinder, die Inklusion wie selbstverständlich leben und die jeweils andere Seite als Bereicherung erleben.

Na bitte, Behinderung ist Fähigkeit – mal ist es die eigene, mal ist es eine für andere. So geht Inklusion. Liebe Eltern, liebe Lehrer fangt doch bitte mal an – ohne Euch von Sorgen, Ängsten und Bedenken auf den Weg zu machen.

 

P.S.: Bei der Vorführung des Films „Ich.Du. Inklusion“ in einem Kölner Kino mit anschließender Diskussion fehlten dann auch prompt die Untertitel für die Gehörgeschädigten und/oder Gebärdendolmetscher.